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Themensammlung - Inszenierung/Konzeption

11 Gründe, warum ein fester Rahmen Kreativität fördert

Kreative lieben das Chaos, dieses Klischee hält sich hartnäckig. Und tatsächlich liefert uns das Chaos oft gute Ergebnisse, weil es unseren Kopf dazu zwingt, andere Perspektiven einzunehmen. Wer den Radiergummi unter zehn Schichten Papier auf dem Schreibtisch findet, schärft seinen Blick für‘s Wesentliche und wer sich zutraut im Chaos zu agieren, beweist Offenheit, Mut und (Selbst-)Vertrauen.

Chaos ist das Gegenteil von Routine und motiviert einen Ausbruch in Richtung neues Denken, abseits alter Wege, ohne Muster oder Vorgaben. Wer Chaos denkt, denkt gleichzeitig Bewegung, Chaos kann nie statisch sein, ist Flexibilität, Vielfalt und Reaktionsvermögen gleichermaßen. Der kreative Chaot ist ein Bauchdenker, der das Rationale gern dem Irrationalen, der Intuition opfert. Dem Chaos gegenüber steht die Ordnung und wie bei allen Polaritäten bedingen die beiden sich – das eine geht nicht ohne das andere. Das Chaos dient dem Einzelnen, betont Tina Gadow , Veranstaltungsdramaturgin des MICE Club LIVE: „Die ‚kreativen Chaoten‘ sind zumeist Einzelgänger und ja, der Einzelne kann im Chaos extrem kreativ sein. Das flüchtige „Wir“ dagegen benötigt einen Rahmen, damit es entstehen kann. Bekommt es von der Gemeinschaft keinen sicheren Halt, wird es zerfließen. Die Zugehörigkeit als oberster Wert beflügelt, eröffnet Potenzial, die Sicherheit der Gemeinschaft bringt den Einzelnen zum Strahlen.“

Das Wir, die Gemeinschaft, braucht das „Chaordische Feld“, den Grenzbereich zwischen Chaos (als Kreativitäts-Boost) und Ordnung (als Rahmen, der Freiraum erst ermöglicht). Innovation entsteht in diesem Grenzbereich und der chaordische Pfad (ein Begriff, den wir Dee Hock, dem Gründer von Visa International verdanken) beschreibt die perfekte Ausgewogenheit zwischen Chaos und Ordnung, in der Evolution sich am wohlsten fühlt. Hier können Ideen entstehen und erhalten den sicheren Raum, um zu wachsen. Es gibt viele gute Gründe, warum Kreativität einen festen Rahmen benötigt:

  1. Schutzraum für den Einzelnen. In einer Gruppe, die kreativ sein soll, kommen unterschiedliche Temperamente zusammen. Meistens sind die Lauten führend und bestimmen das Ergebnis. Aber die Lauten sind nicht klüger und haben nicht die besseren Ideen. Ein fester Rahmen, zum Beispiel die Vereinbarung, dass jeder Einzelne genug Redezeit erhält, sorgt dafür, dass alle Ideen zum Tragen kommen. So darf die beste Idee ans Tageslicht, nicht die, die am eindringlichsten vorgetragen wurde.

  2. Zusammenspiel von Kompetenzen: Die Wahrscheinlichkeit, neue und gute Lösungen zu finden, wächst deutlich, wenn heterogene Gruppen mit breitem Erfahrungshintergrund zusammenkommen. Dieses Zusammenspiel funktioniert wie bei einem Orchester. Jeder spielt sein Instrument, aber der Dirigent und die Partitur geben den Rahmen vor. Dann entsteht ein vollkommender Klang.

  3. Ko-Kreation braucht Verbindlichkeit: Wenn wir gemeinsam an einer Idee, an einem Ziel oder an einem Event arbeiten, dann müssen wir uns aufeinander verlassen können. Deswegen gibt es Vereinbarungen, an die sich jeder hält. Johannes Ries erklärt, dass in seiner Agentur Ries Events jedes Telefonat protokolliert wird: „Das klingt nach Bürokratie, ist aber der nötige Rahmen für diese Art von Ko-Kreation.“

  4. Gemeinsames Ziel, gemeinsamer Weg: Oftmals laufen wir einfach los, in ein Brainstorming, ein Meeting, ein Projekt, ohne zu wissen wohin. Das nennt sich dann kreative Freiheit. „Baut doch nicht gleich Barrieren“, heißt es genervt, wenn jemand wagt, nach dem Ziel des Tuns zu fragen. Aber das Wissen über das gemeinsame Ziel ist keine Barriere, es ist eine Leitplanke, die es allen ermöglicht auf einem Weg zu bleiben und zum Ziel zu kommen. Keiner bleibt auf der Strecke oder geht in der Wildnis verloren.

  5. Akzeptanz und Toleranz: Lösungen im Gruppenrahmen finden mehr Akzeptanz. Wer etwas mitentschieden hat, wird es mittragen. Deswegen sorgt ein geordneter Entscheidungsrahmen, ggf. mit Protokoll und Unterschriften dafür, dass Ideen nicht nur auf dem Papier entstehen, sondern auch umgesetzt werden.

  6. Weniger Glaskugel, mehr Transparenz: „Alles was ich mitgestalte, brauche ich nicht vorherzusagen“, hat Heiko Bartlog dem MICE Club einmal gesagt.

  7. Zäune machen frei: Ein Satz, der sofort zum Widerspruch ruft, klar. Aber schauen Sie sich mal das Beispiel von Tina Gadow an, die sagt: „Es geht nicht um Regeln, die einschränken. Im Gegenteil, es geht um einen Rahmen, der Freiraum gibt. Durch den Gartenzaun entsteht freier Auslauf für den Hund – sonst müsste er im Haus bleiben.“

  8. Moderation hält den Ball im Spiel: Moderatoren oder Facilitatoren sind ideale Rahmen-Geber. Sie behalten den Überblick, sorgen dafür, dass Jeder und Jede zu Wort kommt und können auch im Chaos des Entstehungsprozesses eine großartige Idee von einer Eintagsfliege unterscheiden. Jede Gruppe benötigt einen Moderator oder Gastgeber und am besten auch einen Aufpasser, der achtsam das Gruppenwohl im Auge hat. In so einem Rahmen lassen sich auch komplexe Themen angemessen und mit guten Lösungen bearbeiten.

  9. Gesprächs- und Meetingkultur: Wir alle hassen Meetings, trotzdem sitzen wir jeden Tag in zwei oder fünf. Warum wollen wir da schnell wieder raus? Weil meistens sehr schnell alles gesagt ist, aber noch nicht von jedem und weil wir eigentlich schon wissen, was am Ende rauskommt. Ist der Chef mit im Raum, entscheidet er. Ist er es nicht, entscheidet keiner. Ein guter Rahmen hilft, Gespräche und Meetings inspirierend, schöpferisch und effektiv zu gestalten. Wenn wir der Form mehr Beachtung schenken und den Inhalten oder Agenden etwas weniger, werden Meetings zum Quell wunderbarer Lösungen.

  10. Weniger operative Hektik: Ein Defizit an Planung führt meist zu operativer Hektik am Ende, sagt Wolfgang Rübner und ergänzt: „Messbare Zielsetzungen und Kreativität sind kein Widerspruch. Projektmanagement in der Kreativwirtschaft ist ein Zeichen von Professionalität in einem dynamischen Umfeld von hoher Komplexität. Echte Professionalität zeichnet sich dadurch aus, kreative und innovative Lösungen zu generieren und den Arbeitsprozess trotzdem sauber zu strukturieren.“

  11. Deckel auf dem Topf: Sie kennen das sicher von zu Hause. Chaos hat die Eigenschaft, sich auszubreiten. Lagen gestern nur zwei Socken auf dem Boden, sind es heute schon drei, morgen fünf und so weiter. Ohne Sockenschublade ist der Boden bald ein Sockenparadies. Ähnlich ist es mit kreativem Chaos – es breitet sich aus und erscheint bald an Stellen, wo es nichts zu suchen hat – in Kundenprojekten, in der Steuererklärung oder in den Gehaltszahlungen („Huch, echt, ist heute schon der 30.? Sorry, Mann, kann passieren …“)

Ein Rahmen hilft, das Chaos dort zu halten, wo es hingehört – in einen tollen, kreativen Prozess, der alle einbindet und die kollektive Intelligenz für die Entwicklung von nachhaltigen Lösungen nutzt. Lösungen, die alle tragen und die allen dienen.


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Bildquelle: Johanna Benz

Autor: Andrea Goffart

Veröffentlicht am: 05.09.2019


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