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Themensammlung - Change-Kommunikation

Nichts tun - eine Anleitung, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen

Nichts tun, das meint nicht Nichtstun - Eine Buchrezension

Die Online-Plattform für Zukunftsideen changeX behandelt Themen des Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft. In Kooperation mit dem MICE Club veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen spannende Beiträge unseres Content-Partners, wenn wir diese für unsere Leserschaft interessant finden.

Nichts tun, das meint nicht Nichtstun. Nicht Untätigkeit, Müßiggang und Faulenzerei. Nichts tun, das ist für die amerikanische Künstlerin Jenny Odell ein Tun, das sich nicht dem Diktat von Produktivität und Effizienz unterwirft. Es bedeutet, wahrzunehmen, was wirklich um einen ist. Zuhören. Zusehen. Als Voraussetzung einer geschärften Wahrnehmung, die eine andere Wirklichkeit schafft. Das wiederum bedarf experimenteller Formen und Wahrnehmungsweisen.

Vermutlich eines der überraschendsten und wohl auch wichtigsten Bücher des vergangenen Jahres ist Jenny Odells Nichts tun. Es zeigt, wie es gelingen kann, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. Es ist ein Aufruf zur Verweigerung, der dazu zwingt, die eigene Position zu überdenken. Rezipiert wurde es als Mix aus Selbsthilfebuch und politischem Manifest, als ein zeitgeistiges Buch, das mit seinen Anklängen an Wandern, Waldbaden und Bird Watching aktuelle Sehnsüchte befriedigt. So kann man das Buch lesen, versäumt dabei jedoch die tiefgründige Gedankenarbeit, die in ihm steckt. Odell, die als multidisziplinäre Künstlerin, Autorin und Pädagogin arbeitet und digitale Kunst an der Stanford University lehrt, verbindet eine klare Analyse der Aufmerksamkeitsökonomie und der Wirkungsweise digitaler Social-Media-Plattformen mit einer hellsichtigen Reflexion über Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und die Konstruktion von Wirklichkeit. Das ist extrem spannend und erkenntnisreich, zwingt aber zugleich dazu, mit dem Buch zu arbeiten.

Denn es ist ein vielschichtiges, durchaus auch sperriges Buch, das sich dem schnellen Zugriff entzieht, das genaues Lesen verlangt und eine anschließende Ordnung und Rekapitulation des Gelesenen. Denn Odells Buch ist keine strukturierte Abhandlung, sondern eher eine Annäherung an ihr Thema in Form von Beobachtungen und Reflexionen. Ein Buch wie ein Spaziergang, eine Wanderung, eine Reise. Hier ein Versuch, die Leseeindrücke zu sortieren. Zunächst ein Überblick, danach eine Vertiefung.

Gegenentwurf zur Aufmerksamkeitsökonomie

Dhenya Schwarz hat in ihrer Kurzrezension für changeX das Buch so vorgestellt: „Nichts tun klingt zunächst ziemlich entspannend, wie wir aber im Verlauf der Lesereise durch Jenny Odells Gedanken herausfinden, hat es nicht selten auch etwas mit Disziplin, Mut und Widerstand zu tun. Es geht bei Weitem nicht um einen Zustand von Faulheit, sondern um einen Gegenentwurf zur Aufmerksamkeitsökonomie. ‚Nichts tun‘ hat nach Odell demnach mit der Rückgewinnung der Kontrolle über die eigene Aufmerksamkeit zu tun, mit dem Ausstieg aus dem Dogma, dass ‚etwas tun‘ nur im Sinne der Produktivität möglich ist. Und damit, sich Räume und auch Zeit zu schaffen, um den Blick und die Gedanken schweifen lassen zu können. Räume, in denen ökonomische Prinzipien nur einige von vielen sind und das ‚höher, schneller, weiter‘ der kapitalistischen Realität dem ‚was und wer ist um mich‘ weicht. Wir begleiten Odell auf Spaziergängen und Ausflügen in Stadt und Natur, in denen sie den Wert dessen deutlich macht, was sie im Hier und Jetzt leben nennt. Sie tut mit diesem Buch genau das, wovon sie uns auch erzählt: Sie leitet unsere Aufmerksamkeit nur wenig, überall bleibt genug Raum, um abzuschweifen, den zahlreichen Beispielen oder eigenen Gedanken nachzugehen, sie wahrzunehmen und für sich zu reflektieren."

Es ist vor allem die Vogelbeobachtung, die für Jenny Odell zu einer prägenden Erfahrung geworden ist. Zunehmend widmete sie sich auf Spaziergängen und Wanderungen dem Studium der Vögel, beobachtete sie, lauschte ihren Rufen und Gesängen und erlebte zugleich die Interaktion zwischen Mensch und Tier, etwa wenn sich der Ruf eines Vogels als Reaktion auf ihre Anwesenheit entpuppte. Die Beobachtung von Vögeln führt sie auch zu einer zentralen Unterscheidung: „Vogelbeobachtung ist das Gegenteil davon, online nach etwas zu suchen. Man kann nach Vögeln im Grunde nicht suchen", schreibt sie. Vögel zu beobachten, entzieht sich schon im Ansatz einer instrumentellen Herangehensweise, die für die produktivitätsorientierte Gesellschaft unserer Zeit so grundlegend ist. Vögel zu beobachten, erfordert Zeit, Ruhe, Gelassenheit und eine Form der Hinwendung, die zurückhaltend und respektvoll bleibt. Es verlangt, „im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun". Dies begreift Odell als "Opposition zu einer produktivitätsbesessenen Umwelt".

Hier gilt es allerdings auf die feinen sprachlichen Unterschiede in der Bedeutung der Begriffe zu reflektieren, um nicht einem Missverständnis aufzusitzen: Nichts tun heißt der Buchtitel im Deutschen, entsprechend dem englischen How To Do Nothing. Im Lauftext im Innenteil hat sich der Verlag indessen für die Duden-konforme Schreibweise „Nichtstun" entschieden, die freilich semantisch, also von der Bedeutung her, vorbelastet ist. „Nichtstun", das ist laut Duden gleichbedeutend mit Untätigkeit, Müßiggang und Faulenzen. Die Unterschiede zeigen sich in der Betonung. Bei „Nichtstun" liegt sie auf „nichts", bei „nichts tun" hingegen auf „tun". „Nichtstun" ist passiv, „nichts tun" hingegen aktiv. Nichts tun meint eine Tätigkeit, die sich nicht dem Gebot von Produktivität und Effizienz unterwirft. Diese Begriffsbedeutung ist im Folgenden kursiv gekennzeichnet.

Seine Aufmerksamkeit schärfen

In diesem Sinne versteht sich Odells Buch als „eine praktische Anleitung zum Nichtstun als Akt des politischen Widerstands gegen die Aufmerksamkeitsökonomie". Es verfolgt damit eine doppelte Argumentationsrichtung. Es beschreibt die Aufmerksamkeitsökonomie als eine Wirtschaftsform, die dadurch charakterisiert ist, dass sie Aufmerksamkeit ökonomisch nutzbar macht, und leitet daraus eine Handlungsanleitung ab, wie es gelingen kann, sich ihrem Zwang zu entziehen. Odells Argumentation lässt sich in vier Schritten nachvollziehen.

Erstens. In der Aufmerksamkeitsökonomie treffen und verschränken sich verschiedene Entwicklungslinien des modernen Kapitalismus. Zum einen schreitet die Durchökonomisierung von Zeit und Raum weiter voran. Es gibt fast keine Zeit und keinen Raum mehr, die nicht dem Diktat von Produktion und Effizienz unterworfen wären. Alles muss sich rechnen, muss irgendwohin „einzahlen", muss Nutzen bringen. Das Leben der Menschen ist mit instrumentellen und kommerziellen Aktivitäten ausgefüllt, und auch ihre freie Zeit wird tendenziell zu einer ökonomischen Ressource. Denn es gilt, diese bislang ungenutzte Zeit zu nutzen, um durch Posts und Likes Aufmerksamkeit zu gewinnen und so den Wert der Eigenmarke zu steigern. Das ist die individuelle Perspektive.

Zweitens. Kollektiv bedeutet Aufmerksamkeitsökonomie, dass zugleich die Aufmerksamkeit der Menschen in digitalen Plattformen gebunden wird, um deren Aktivitäten dort wiederum ökonomisch nutzbar zu machen. „Plattformen wie Facebook und Instagram funktionieren wie Staudämme, die sich unser natürliches Interesse an anderen und das zeitlose Bedürfnis nach Gemeinschaft zunutze machen, unsere ureigensten Sehnsüchte kapern, hintertreiben und aus ihnen Kapital schlagen." Diese Plattformen nutzen eine Technologie, die in ihrem gegenwärtigen Design „bewusst falsche Ziele im Hinblick auf Selbstreflexion, Neugierde und das Verlangen, einer Gemeinschaft anzugehören, kreiert".

Die Vorherrschaft von Produktion und Effizienz bildet (drittens) den entscheidenden Ansatzpunkt, wenn es darum geht, sich den Zwängen der Aufmerksamkeitsökonomie zu widersetzen. Durch Nichtstun im Sinne eines Tuns, das sich der Vorherrschaft von Produktion und Effizienz entzieht. Das Potenzial, das sich dadurch erschließt, besitzt für Odell zwei Dimensionen. Zum einen ist Nichtstun „eine Art Mittel zur Entprogrammierung", eine Art Wiederherstellung. „Es gibt eine Art von Nichts, die notwendig ist, um letztendlich etwas zu tun." Hier geht es um das Wissen, dass die Orientierung am Ziel von Produktivität und Effizienz letztlich gute Ideen und gute Arbeit hemmt. Dass es Auszeiten braucht, „Zufälle, Unterbrechungen und unverhoffte Begegnungen", um Innovation, Kreativität, menschliches Erleben und persönliche Weiterentwicklung möglich zu machen. Hierbei geht es zunächst um Selbstfürsorge.

Im nächsten Schritt (viertens) dann um Weiterentwicklung: Darum, seine Aufmerksamkeit zu schärfen; das ist die zweite Dimension. Wieder am Beispiel der Vogelbeobachtung: So wie die Autorin erst einmal darauf kommen musste, dass der Ruf eines Vogels ihr selbst galt und eine Reaktion auf ihre Anwesenheit bildete, geht es darum, genau hinzuschauen, aufmerksam zu sein und offen. Den Zustand oder das Vermögen einer geschärften Aufmerksamkeit zu realisieren. Was im sozialen Miteinander bedeutet, dem und den anderen wirklich zuzuhören. Es geht um „Zuhören als einem inneren Verstehen der Perspektive des anderen".

Eine andere Wirklichkeit

Was bedeutet das nun konkret? Wie lässt sich das erreichen? Odells Aktionsplan umfasst drei Bewegungen: erstens „einen Ausstieg, nicht unähnlich dem ‚Ausstieg‘ der 60er Jahre". Zweitens „einen Schritt zur Seite, raus zu den Dingen und Menschen, die uns umgeben". Und drittens „eine Bewegung nach unten, zurück an Ort und Stelle, auf den Boden, auf dem wir stehen" - gemeint ist damit eine Orientierung an Bioregionen als sozioökonomisches und kulturelles Modell. Dieser Punkt bleibt indes vage, weil die Diskussion über Bioregionalismus im deutschen Sprachraum offensichtlich eine eigene Entwicklung genommen hat und Odells Verständnis mit der damit verbundenen Bedeutungsverschiebung hin zu einer rechten Ideologie offenbar nicht vereinbar ist. Dagegen bieten die ersten beiden Bewegungen konkretere Anhaltspunkte für Odells - experimentellen - Weg heraus aus den Zwängen der Aufmerksamkeitsökonomie.

Mit „Ausstieg" meint Odell keineswegs einen generellen Rückzug aus Social Media, sondern eine Verschiebung von Aufmerksamkeit hin in ein anderes Bezugssystem, einen „dritten Raum" im Sinne „einer disziplinierten Vertiefung von Aufmerksamkeit", die zu einer anderen Wahrnehmung der Realität führen soll. „Wenn dein Aufmerksamkeitsmuster sich verändert hat, dann erschaffst du deine Realität anders." Geschärfte Aufmerksamkeit wird zum Erkenntnisinstrument, das wiederum die Konstruktion unserer Wirklichkeit verändert. Zentral dabei wie gesagt: zuhören. Eine Fähigkeit, die im Dauergeplärr auf den Social-Media-Kanälen zunehmend unter die Räder gerät.

Ein „Schritt zur Seite" bewirkt eine Unterbrechung und ermöglicht es, auf andere zuzugehen. Es ist ein Schritt heraus aus dem üblichen Kontext und auf die anderen zu. Dies eröffnet zugleich eine andere Perspektive, die Odell „Abseitsstehen" nennt: „Abseitsstehen bedeutet, die Perspektive des Außenseiters einzunehmen, ohne fortzugehen", eine einfache Unterbrechung, ohne sich abzuwenden und auf Teilhabe zu verzichten. Kein Ausstieg also auch hier. Abseitsstehen heißt anders ausgedrückt, in eine Beobachterperspektive zu wechseln, ohne sich auf diese zurückzuziehen. Es heißt, „sich die Welt (jetzt und hier) aus einem Blickwinkel der Welt, wie sie sein könnte (die Zukunft), anzuschauen".

Ein Zustand von Offenheit

Es geht also um eine andere, intensive Wahrnehmung, um ein anderes Denken, das sich durch geschärfte Aufmerksamkeit neue Zugänge erschließt. Das bedeutet: Kontext wiederzugewinnen. Sich zur Wehr zu setzen gegen die „neue Kontextlosigkeit" der sozialen Medien. Das erfordert, seine Aufmerksamkeit zu schärfen. Und „fordert uns dazu auf, uns von der Vorstellung separater Entitäten, eindimensionaler Entstehungsgeschichten und klarer Kausalitäten, in denen B aus A folgt, zu lösen. Es benötigt aber auch Demut und Offenheit, denn Kontext zu suchen heißt, sich bereits einzugestehen, dass man nicht die ganze Geschichte kennt." Nicht zuletzt braucht es Zeit: „Kontext ist das, was zum Vorschein kommt, wenn man seine Aufmerksamkeit lange genug auf etwas richtet; je länger man sie aufrechterhält, desto mehr Kontext tritt zutage."

So wie die Vogelbeobachtung die Detailgenauigkeit ihrer Wahrnehmung vergrößert hat, führt die Schärfung der Aufmerksamkeit so mehr Kontext zutage, was gleichbedeutend ist mit einer detailreicheren Wahrnehmung. So spricht Odell von der beschämenden Entdeckung, „dass etwas, das man für ein Ding gehalten hat, eigentlich zwei Dinge sind, und dass jedes von diesen zwei Dingen im Grunde wiederum zehn Dinge sind". Dies sei ganz einfach das Resultat der Dauer und Qualität unserer Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit als „ein Zustand von Offenheit".

Gefordert ist also auch ein anderes Denken jenseits von binärer Logik und ausgeschlossenem Dritten. Ein Denken, das die Welt in all ihrer Vielfalt wahrzunehmen vermag. Jenny Odell schlägt einen experimentellen Weg vor hin zu einer Wahrnehmung, die sich auf die Wirklichkeit einlässt. Die die feinen Unterschiede zwischen den Dingen wie die sie verbindenden Zusammenhänge, ihre Komplexität also, in den Blick nimmt. Die den Kontext einbezieht und die Kontext herstellt. Das ist es, was ansteht.

Dieses Interview veröffentlichen wir in enger Kooperation mit der Online-Plattform changeX, wo der Beitrag zuerst erschienen ist.


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Bildquelle: Ryan Meyer

Autor: Winfried Kretschmer unter Verwendung einer Kurzrezension von Dhenya Schwarz

Veröffentlicht am: 06.04.2022


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