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Online, Interaktion, Schalten

Teil 5 der Nachbesprechung des BrandEx Awards 2021

Nach meinem Überblick zum BrandEx Award 2021, gehe ich nun detailliert in sieben Artikeln auf die Award-Verleihung ein. Ohne journalistischen Neutralitätsanspruch ist meine Kritik subjektiv, wird sich in der Beschreibung des Kritisierten jedoch um Objektivität bemühen. Jeden Artikel teile ich in die Beobachtung und die Konsequenz auf. Es entsteht daraus eine Art Leitfaden für Live Shows im Online-Event-Zeitalter. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr biete ich Ansätze, Gedanken, Ideen und Visionen und der Rest ist – wie man so schön sagt – up to you!

Die Seite im Freundebuch ist diesmal aus Sicht unserer Streaming-Plattform StreConFlex. ausgefüllt und das ganze Team hat Inspirationen in den Artikel mit einfließen lassen.

BEOBACHTUNG

Die Show aus Berlin wurde mit einigen Live-Schalten „aufgepeppt“. Dafür hatte man sich durchaus ein paar Gedanken gemacht und in Kauf genommen, dass der Award-Gewinn-Spannungseffekt vollständig auf der Strecke blieb, denn alle Gewinner wussten vorher vom Gewinn. So versuchte man es mit Unterhaltung: In Köln warteten die Konzeptioner Simon Stahl und Kai Janssen in Stahls Restaurant auf. Eine Tonpanne und mäßige Sendeleistung leiten den Schalt-Pannen-Marathon ein.

Janssen startet mit einem zynischen Seitenhieb auf Online Events, den längst nicht jeder einzuordnen weiß. Stahl verpasst die Chance auf ein Statement aus Gastronomensicht, das sicher vielen Betroffenen gutgetan und dem ausrichtenden Verband gut zu Gesicht gestanden hätte. Stattdessen betont Stahl, wie gut sein Laden läuft. Er hat sogar jede Menge Konzeptioner und Kreative zum Schnitzelausfahren eingestellt. Kein guter Gag in harten Zeiten.

Janssen vergleicht Aljoscha Höhn mit der Kanzlerin, denn eine ganze Generation kennt angeblich nur noch ihn als Moderator. Das zeigt, wie sehr die Truppe dort um sich selbst kreist. Der Angesprochene nutzt das und verweist auf Volker Schütz, Chefredakteur der Horizont, der ihn mal als die männliche Barbara Schöneberger bezeichnet habe: „Ich bin halt deutlich billiger“, grinst Höhn in die Kamera.

Interaktion mit dem Publikum besteht allenfalls im unfreiwilligen Bauchbindenquiz: Höhn spricht seine Kölner Gag-Gehilfen direkt mit Vornamen an, die Bauchbinden blenden die Nachnamen ein. Wer hier wer ist, müssen Unbeteiligte raten. Neue Freunde will man also am „Abend unter Freunden“ mal wieder nicht gewinnen.

Bingo, da hätte ich fast das ganz besondere Spiel vergessen. Kai Janssen schreibt auf eine Tafel allzu verbrauchte Buzz Words der Branche, lesen kann man eh nichts, aufgrund des schlechten Farbkontrasts von rot auf dunkelgrün und der Bildqualität. Über die Social Wall und die Chat-Funktion soll man mitmachen, die funktionieren aber immer noch nicht. Hauptsache, Janssen hat bei der Gelegenheit noch einen Seitenhieb auf Colja Dams parat, so wirklich agile wirkt er selbst auf seinem Quadratmeter Kneipenstudio aber ehrlich gesagt auch nicht.

Höhn hat zum Schluss dieser Schalte noch einen Witz parat: „Ihr könntet mit Janssen und Stahl auch als Waffenhersteller durchgehen.“ Alle lachen. Janssen kommentiert: „Janssen mit zwei S bitte.“ In der Harald-Schmidt-Show hätte Helmut Zerlett einen Tusch für diese flache Nazi-Witz-Anspielung gebracht. Die Schalte bleibt im Ton noch eine Weile bei uns, nachdem sie eigentlich längst durch ist.

Der Janssen- und Stahl-Klamauk findet seinen traurigen Höhepunkt, als sie die Wollmütze von Jan Kalbfleisch versteigern wollen. Die trug der FAMAB Geschäftsführer beim 130-Minuten-Live-und-ohne-Drehbuch-Alarmstufe-Rot-Event am 28. Februar vor 0,18 % der eine Million Beschäftigten in der Veranstaltungsbranche. Die Einschaltquote war immerhin doppelt so hoch, wie die des BrandEx Awards mit seinen rund 900 Zuschauern. Der Erlös soll dem Bündnis zukommen, für all die, denen es wirtschaftlich gerade dreckig geht. Aus dem Ansatz hätte eine gute Aktion mit Symbolwirkung werden können, er veralbert aber durch schlechtes Framing und mangelnde Ernsthaftigkeit.

Im Hintergrund hört man Anja Osswald ins offene Mikro flüstern: „Darauf muss ich trinken.“ Höhn sucht den Vergleich zur Serie 4 Blocks, wo in einer ähnlichen Aktion die Jacke eines Darstellers für 3.000 Euro wegging. Viehöfer kennt die Serie nicht und kommentiert bissig „Ich arbeite anscheinend im Gegensatz zu allen anderen.“ Das sitzt. Kurze Sprachlosigkeit. Osswald zu Viehöfer: „Doppel-Award-Gewinner können hier ruhig mal in die Tasche greifen, nicht wahr, Vera?!“ – Viehöfer süffisant „5 Euro hätt‘ ich bei.“ Es sollte doch darum gehen, Geld zu sammeln, für Alarmstufe Rot und für die, die gerade dringend Hilfe brauchen. Oder sind wir schon wieder so weit, dass wir Witze darüber machen können?

KONSEQUENZ

Konsequenzen sind diesmal in der Tat recht simpel. Simpel heißt es, Schuster, bleib bei deinen Leisten, denn Konzeptioner sind keine Comedians. Comedians freuen sich über ein Engagement und darüber, das zu verdienen, was vielen Künstlern gerade fehlt, Geld. Geld kann man mit tollen Spendenaktionen, wie dem Rosenmontags-Live-Stream aus der Kölner Arena, bei dem über eine Million Euro für bedürftige Künstler und Crews aus dem Kölner Karneval zusammenkam, sammeln. Sammeln konnte man bei dieser Award-Verleihung einzig Preise für immer schlechter werdende Witze. Witze sind vor allem dann gut, wenn viele Menschen darüber lachen können und sie funktionieren, ohne zu beleidigen. Beleidigend waren auch in puncto Online und Schalten die Qualität und die handwerkliche Umsetzung. Umsetzung wird nur gut, wenn man ausreichend probt – jetzt hab ich es schon wieder geschrieben – und sich vor allem im Vorhinein Gedanken macht und ein Konzept. Konzept braucht man auch für Interaktion mit dem Publikum, denn wenn man sich ein Spiel, wie zum Beispiel Bingo, überlegt, dann muss man sich auch überlegen, wie die Menschen mitmachen sollen und was man braucht fürs Spielen. Spielen könnte man sehr viel mit den unzähligen Tools da draußen auf dem Markt und man hätte sich sogar mittels eines Online-Spiels in der Vorkommunikation interaktiv die Bühne zusammenbauen lassen können von den Zuschauern. Zuschauern wurde stattdessen mehr und mehr langweilig, denn die Interaktions-Tools des Abends funktionierten einfach nicht und durch den Stream auf verschiedenen Online-Kanälen, die überhaupt nicht verknüpft waren, entstand keinerlei Community-Feeling. Community-Feeling gehört aber zu einem Abend unter Freunden und dem Motto kann man vor allem durch gemeinsame Live-Aktionen gerecht werden, beispielsweise mit in die Streaming-Plattform integrierten Echtzeit-Interaktionen. Interaktionen erfordern Motivation und einen Grund, mitmachen zu wollen, was schwierig ist, wenn man kaum versteht, worum es eigentlich geht, bei dem feierlichen Award-Abend. Award-Abend markiert einen Anspruch, denn es geht um die Besten und demnach sollten die Besten auch nur von den Besten geehrt, nominiert und technisch-inhaltlich versorgt werden in so einer Live-Show. Live-Show wird das sonst nämlich nicht, eher eine Verballhornung von ungefähr allem, was einem lieb, teuer und wichtig ist, eben nicht mehr als ein Abend ohne Konzept, aber mit vielen Konsequenzen.

Hey, Branche, wir müssen reden! Oder wie einst Tony Mono, der Comedy-Starproduzent bei 1LIVE, zu sagen pflegte: „Daaaaas geht besser!“ Weil das hier keine Comedy ist, weil es uns alle angeht, weil es unsere Zukunft als Branche ist, lasst uns sprechen. Wir freuen uns auf eure konstruktiv-kritischen Stimmen bei den nächsten Schritten. Stay tuned – für Teil 6 von 7.


Tobias Weber ist Geschäftsführender Gesellschafter bei der format:c live communication GmbH und ein Teil der Live Streaming-Komplettlösung StreConFlex. Als Regisseur und Creative Director verantwortet er zahlreiche Filmprojekte, Theaterproduktionen und Corporate Events für Weltmarken. Seine Erfahrungen umfassen außerdem crossmediale Konzepte, TV-Produktionen, Road-Shows und Kampagnen sowie Online-Events.


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Bildquelle: format:c live communication GmbH

Autor: Gastautor: Tobias Weber | format:c live communication GmbH

Veröffentlicht am: 25.03.2021


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