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Meinung

3 Thesen, warum Corona für die Eventbranche ein Segen war

Mein persönlicher Jahresrückblick 2020

Ein herausforderndes Jahr war 2020 für uns alle - und im Besonderen für die Eventbranche: Ein Quasi-Berufsverbot für einen Großteil der Branchenakteure - und ein Ende ist nicht in Sicht. Auch an mir und dem MICE Club ist die Krise nicht unbeschadet vorbeigezogen: Eine Halbierung des Ergebnisses im Vergleich zum Vorjahr, Zahlungsausfälle wegen Insolvenz bzw. Zahlungsverweigerungen in fünfstelliger Höhe, über 50 gekündigte Mitgliedschaften „wegen Corona" und die Absage aller Educational Trips in so schöne Destinationen wie Stockholm, Zürich, Wolfsburg, Wuppertal - und das dicke Ende wird noch kommen - versprochen!

Und doch will ich nicht klagen, kämpfen doch viele Eventschaffende dieser Tage um die nackte Existenz oder haben diesen Kampf bereits verloren. Ich kann mich sehr glücklich schätzen, dass ich im September 2020 unser Community-Event MICE Club LIVE in Frankfurt | Rhein-Main als Präsenzveranstaltung durchführen konnte. Die digitale Version unserer EventTech-Konferenz TechXperience mit über 700 Teilnehmern Anfang Dezember kann ich als großen Erfolg verbuchen. - Noch viel wichtiger war und ist die Tatsache, ein zweites Standbein außerhalb der Eventbranche zu haben. Denn so hat eine liebe Branchenkollegin sehr treffend beschrieben: „Es bringt Einnahmen und man ist mental sinnvoll beschäftigt."

Der große Intelligenztest

Diese Krise ist epochal, sie wird die Gesellschaft und die Eventbranche nachhaltig verändern. Und das ist auch gut so, erlaubt eine solche Krise doch das eigene Tun zu hinterfragen, den Blick auf die Branche zu schärfen und Beziehungen auf den Prüfstand zu stellen. Diese Prüfung hatte ich bereits im März vergangenen Jahres als großen Intelligenztest für die Branche bezeichnet. Nun, zehn Monate später und um einige Erfahrungen reicher, ist der Jahresanfang der geeignete Zeitpunkt für eine Standortbestimmung der Eventbranche.

Live is live

Online-Events, Webinare und Video Calls - die letzten Monate waren geprägt von unzähligen Stunden vor'm Bildschirm. So kreativ und abwechslungsreich die Interaktionstools einzelner EventTech-Anbieter auch sind: Sie sind nicht geeignet, einen mehrwertorientierten Austausch zwischen den Teilnehmern zu moderieren. Dort, wo Veranstaltungen der reinen Wissens- und Informationsvermittlung mit (Rück-)Fragen der konsumierenden Besucher dienen - etwa bei Haupt- und Mitgliederversammlungen, Beiratssitzungen, universitären Vorlesungen -, werden reine Online-Events den Siegeszug antreten und durch Vermeidung zeit-, kosten- und ressourcenintensiver Reisetätigkeiten einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigeren Ausrichtung unserer Branche leisten.

Doch die unter Corona wochen- und monatelang verhängten Kontakt- und Reisebeschränkungen zeigen auf's Vortrefflichste, dass wir Menschen den persönlichen Austausch, die persönliche Begegnung, aber ebenso den Tapetenwechsel und die räumliche Veränderung brauchen. Nur im direkten Dialog können wir angeregt diskutieren, nur in direkter Interaktion können wir gemeinsam inhaltlich arbeiten und nur vor Ort können wir mit allen Sinnen erleben. Wenn es eines Manifestes bedurfte, um für Live-Begegnungen und Erlebnisse schlagkräftige Argumente zu finden: Corona hat den Beweis dafür angetreten.

Doch ganz klar haben wir auch erkannt: Wir müssen nicht mehr für jedes Meeting in den Flieger oder in den Zug springen und teils absurde Reisen antreten, um den Preis für den größten Spesenritter und den globetrottenden Meilensammler zu ergattern. Als ich gestern meinen Jahreskalender aufhing und für das erste Halbjahr 2021 keinen einzigen Termin eintragen konnte, so war das neben der etwas beklemmenden Leere auch ein Gefühl großer Freiheit: Corona ist auch die Befreiung aus dem Hamsterrad von Burn Out und Herzinfarkt und gleichzeitig eine Rückbesinnung auf Familie und das Zuhause.

Fokussieren wir also in Zukunft, wenn es um Events geht: Lasst uns auf die Live-Kommunikationsmaßnahmen konzentrieren, die das große Rad der Inszenierung schwingen, die liebevoll bis ins letzte Detail herausgearbeitete Botschaften vermitteln oder das einzigartige Once-in-a-Lifetime-Erlebnis ermöglichen - ganz einfach: die den Unterschied machen. Weniger ist mehr!

Und das bei fairen Stunden- und Tagessätzen, angemessenen Konzeptionshonoraren, humanen Arbeitsbedingungen und einer wertschätzenden Kommunikation zwischen allen beteiligten Stakeholdern. Schluss mit der Kannibalisierung der Eventbranche!

In der Krise zeigt sich der wahre Charakter

Corona war und ist auch ein Charaktertest. Krisenzeiten schweißen zusammen. Einerseits. Am anderen Ende der Skala marodiert das Wertegefüge der Branche, wo die Sitten schon vor der Krise verroht waren.

Das Aktionsbündnis der #AlarmstufeRot hat einen in der Form bisher nie dagewesenen Schulterschluss der Eventbranche vollbracht. Und allen Widrigkeiten zum Trotz Durchhaltevermögen, Beharrlichkeit und Durchsetzungswillen bewiesen. Chapeau!

Auch ich konnte wahren Zusammenhalt erfahren: Unser MICE Club-Mitglied BG ETEM etwa hatte beim MICE Club LIVE Anspruch auf eine Wild Card für eine kostenfreie Teilnahme - und zahlte als Commitment freiwillig den vollen Betrag in Höhe von EUR 399. Oder Gabi Schares, Ein-Frau-Agentur und treues MICE Club-Mitglied: Die Teilnahme an der TechXperience DIGITAL war kostenfrei. Sie spendete als Einzige (!) einen freiwilligen Obolus in Höhe von EUR 150.

Neben diesen beiden Beispielen gab es einige weitere tolle Unterstützungszusagen, die in der Krisensituation keineswegs selbstverständlich waren. Im Umkehrschluss zeigt letzteres Beispiel aber auch, dass alle anderen Teilnehmer nicht bereit waren, einen auch nur kleinen freiwilligen Beitrag beizusteuern.

Doch wo Licht ist, gibt's auch Schatten: Eine Krise zum Anlass zu nehmen, sich einfach nicht mehr an Verträge gebunden zu sehen, scheint gerade bei ausländischen Kunden als Kavaliersdelikt durchzugehen. Frei nach dem Motto: An unser Geld kommst Du auch auf dem Klageweg nicht ran, haben sich vor allem führende spanische Hotelketten hervorgetan. Oder die nicht enden wollenden leidigen Diskussionen über Vertragsauflösungen, Stornobedingungen oder den Shift von Live- auf Online-Veranstaltungen: Wer hat im Zuge dessen nicht seine Kunden oder Supplier besser kennengelernt...?

Die Liste an Beispielen ließe sich beliebig fortsetzen, zeigt aber vor allem eines: Eine Krise trennt die Spreu vom Weizen! Wer verhält sich auch in schwierigen Zeiten fair, loyal oder springt gar über seinen Schatten hinaus? Und wer duckt sich einfach weg, lässt sich verleugnen, ist für niemanden mehr erreichbar - und wenn: legt ein Kommunikationsverhalten an den Tag, das man dieser Tage gepflegt als Trumpismus bezeichnen kann.

Die Krise lässt auf diese Weise einige Dinge klarer werden: Wer hat sich wie verhalten? Wem kann man vertrauen? Und wer hat den Schuss immer noch nicht gehört? - So liegt es an einem jeden selbst, für sich seinen eigenen Wertekorridor zu definieren: Muss ich in Zukunft wirklich auf jedes Projekt aufspringen? Will ich weiter mit Kunden arbeiten, die jede Form der Wertschätzung vermissen lassen? Verkaufe ich meine Leistungen unter Wert und akzeptiere unannehmbare Ausschreibungs- und Vertragsbedingungen? Kurzum: Prostituiere ich mich vor meinen Kunden oder arbeite ich mit ihm auf Augenhöhe zusammen?

Angst ist kein guter Berater

Eine solch weitreichende Krise hat es noch nicht gegeben - insofern fehlt die Orientierung an Erfahrungswerten. Angst ist kein guter Berater, um Perspektiven und Lösungsansätze aus der Krise zu entwickeln. Dabei ist es so einfach (und nachvollziehbar) Angst zu haben: Angst vor dem Verlust der wirtschaftlichen Existenz, des Arbeitsplatzes, von Wohlstand, von liebgewonnenen Gewohnheiten und - um es im Kontext von Corona klar und deutlich auszusprechen - von Menschen aus dem engsten Umfeld. Nicht zuletzt macht sich dieser Tage auch populistische Politik genau diese Angst zu nutze, um gesellschaftliche Strömungen zu beeinflussen.

Und doch ist es keine Lösung, den Kopf in den Sand zu stecken und auf Hilfe von außen (etwa in Form von staatlichen Unterstützungsgeldern) zu warten. Wenn ich in den sozialen Medien verfolge, wie viele Branchenakteure sich nur noch auf's Maulen und Meckern zurückziehen, dann geben sich viele Kollegen ihrem vermeintlichen Schicksal geschlagen - und werden letzten Endes empfänglich für Verschwörungstheorien und laufen Gefahr, den Bezug zur Realität zu verlieren.

Not macht erfinderisch - nicht ohne Grund gibt es diesen schönen und wahren Ausspruch. Und die damit verbundene kreative Energie ist alternativlos. Die Menschheit musste sich stets an neue Bedingungen anpassen und sich neu erfinden. Und viele kreative Branchenakteure haben es vorgemacht und aus der Not eine Tugend gemacht und alternative Geschäftsmodelle entwickelt.

Wer glaubt denn allen Ernstes, dass unser Eventbusiness auf absehbare Zeit wieder so laufen wird wie vor Corona? Packen wir's an und stellen uns den Herausforderungen mit genau der kreativen Exzellenz, für die unsere Branche bekannt ist.

„Frohes Neues", möchte ich da zurufen und hoffen wir, dass es eines nicht allzu fernen Tages wieder Grund zur Freude und zum Feiern gibt!


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Autor: Dominik Deubner

Veröffentlicht am: 06.01.2021


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