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Meinung, Agenturen, EventTech

Inszenierung und Content

Teil 6 der Nachbesprechung des BrandEx Awards 2021

Nach meinem Überblick zum BrandEx Award 2021, gehe ich nun detailliert in sieben Artikeln auf die Award-Verleihung ein. Ohne journalistischen Neutralitätsanspruch ist meine Kritik subjektiv, wird sich in der Beschreibung des Kritisierten jedoch um Objektivität bemühen. Jeden Artikel teile ich in die Beobachtung und die Konsequenz auf. Es entsteht daraus eine Art Leitfaden für Live Shows im Online-Event-Zeitalter. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr biete ich Ansätze, Gedanken, Ideen und Visionen und der Rest ist – wie man so schön sagt – up to you!

Die Seite im Freundebuch ist diesmal von mir selbst ausgefüllt und die Inspirationen im Text kommen aus unserem großartigen Team und unserem Netzwerk „Die Besten“.

BEOBACHTUNG

Es beginnt mit Herzchen-Tattoos. Kein Scherz. Aljoscha Höhn hat eins für Jan Kalbfleisch auf seinem Arm. So führt er das Thema „Ein Abend unter Freunden ein“. Ob Konzeptioner Kai Janssen den Gag aus seiner Zeit als Storyliner bei Verbotene Liebe mitgebracht hat?

Nach einer leidigen Diskussion über die Drinks an der Bar geht es um die Social Wall. Laut Anja Osswald läuft sie toll. „Es passiert viel. Du willst es im Detail nicht wissen.“ – NICHTS passierte bei uns über gut zwei Stunden auf der Social Wall oder im Chat auf der vidivent-Plattform – wodurch eine tolle Chance auf inhaltliche Interaktion einfach ungenutzt blieb.

Indes holt Höhn aus dem Eisfach eines Kühlschranks ein Freundebuch, denn bei einem Abend unter Freunden darf das nicht fehlen. Viehöfer und Osswald versuchen, das Buch in die Kamera zu halten – das klappt nicht, da Kamera und Regie mal wieder pennen. Das Buch wird nur minimal eingesetzt. Es diente mir aber als Inspiration für diese Artikelreihe, denn eine ganze Reihe von Experten aus unserem Netzwerk hat unser Freundebuch derweil ausgefüllt. Das ist unser Angebot, wir gestalten gern mit an der Repräsentation unserer Branche.

Was gab es sonst noch an gehaltvollem Content? Nun, immerhin wissen wir jetzt alle, dass Vera Viehöfer 2005 beim ESC Vorentscheid für Deutschland gesungen hat. Sie war also einmal Teil einer professionell produzierten Show. Ihre damals knallrot gefärbte Tolle löst den nächsten schlimmen Witz aus. „Du springst in den Pool und hinter dir ist, wenn du Pech hast, so ein leicht roter Schweif.“ Osswald: „Das ist bei Frauen ein bisschen schlimmer wie bei Männern. Just sayin‘.“ Höhn versucht zu retten, was zu retten ist. Das ist ihm immer wieder hoch anzurechnen. In vielen Momenten der Show möchte man per DeLorean 10 Jahre in die Zukunft reisen, den Ausschnitt den Protagonisten nochmal zeigen und sagen „Ja, das hast du damals wirklich live on air gesagt.“

Das Thema Überleitungen verdient noch eine gesonderte Betrachtung: Im Freundebuch hat Viehöfer angegeben, dass ihr Lieblingsessen Pizza ist, das ist dann der Aufhänger für Georg Broich und Burkhard Schmitz in Düsseldorf, die man selbstverständlich zunächst auch nicht hört. Broich ist sich offenbar nicht sicher, ob Schmitz und er nun schon mit dem Essen angefangen haben, oder nicht, dabei sollte er als Profi-Gastgeber das doch eigentlich wissen. Broich hat noch nicht den Satz ausgesprochen, dass die Pizza unterwegs ist, da kommt Jan Kalbfleisch auch schon rein mit den Kartons – sowas hat sich das Fernsehen schon vor 20 Jahren nicht mehr getraut.

In Köln bei Janssen und Stahl versucht derweil Caterer-Kollegin Jutta Kirberg äußerst bemüht, ihr Gesicht in die Kamera zu halten, während sie die beiden Herren verköstigt. Die Besonderheit: Sie hat weder einen Preis gewonnen, noch gehört sie zur Jury.

Plötzlich sitzt Matthias Thoben von der Engelmann Messe & Design GmbH in der Talk-Ecke. Thoben stellt ohne jede Einleitung für den Grund seiner Anwesenheit nun Tiny Houses als seine Corona-Alternative vor – warum erfährt man nicht. Thoben will allen Mut machen, sich Alternativen zu suchen. Der Versuch versandet, denn er bleibt nebulös.

Dass Sabine Loos von den Westfalenhallen gegen Ende sagt, bisher habe es ihr gut gefallen, verwundert die übrig gebliebenen Zuschauer dann vermutlich vollends. Wo bitte ist denn der Maßstab hin? Wie kann man sowas mit „Super, habt ihr klasse gemacht“ kommentieren? Da sagt man doch lieber nichts, oder hat es ihr wirklich gefallen? Am 18.01.2022 ist der nächste BrandEx Award und die BOE findet vom 19.-20. Januar 2022 in Dortmund statt. Nächstes Jahr soll das BrandEx Festival DIE RÜCKKEHR heißen. „Bitte macht das nicht wahr!!!“, möchte man rufen.

Zum Schluss verpasst Jan Kalbfleisch seinen Auftritt und Aljoscha übernimmt die Regieansagen gleich selbst, man hat sie ja eh die ganze Zeit gehört. Albern kichernd zeigt sich das Paar des Abends gegenseitig seine Aufklebe-Tattoos. Kalbfleisch fand den Abend anstrengend, das stimmt. Die wenigen Zuschauer größtenteils auch. Für Viehöfer ist es schon ein Gewinn, dass sich niemand gestritten hat. So klein kann der Anspruch sein. Höhn sagt, es habe nur noch ein Feueralarm gefehlt und dann sagt er den Satz des Abends: „Das letzte Mal, Jan, als wir zusammen auf der Bühne standen und moderierten, wurde der Award danach eingestampft!“ Guter Gedanke. Warum nicht? Aller schlechten Dinge waren drei. Wir machten uns die Welt, vidividivent sie uns gefällt.

In dem mysteriösen Paket, das fast so groß ist, wie Höhn, ist übrigens eine Tröte, als wolle man wirklich mit Pauken und Tröten untergehen. Zum Abschluss läuft dann nochmal einer durchs Bild und knackend gehen die Mikros nach einigen Off-Geräuschen aus. Die Gewinner sehen wir nicht einmal mehr in einem großen Gallery View, obwohl dieser doch von so vielen offenbar als das Allheilmittel der digitalen Emotionalisierung angesehen wird.

Reinhard Mey hat das Schlusswort: „Gute Nacht, Freunde, es wird Zeit für mich zu gehn“. Das klingt wie das Abschiedslied der Eventbranche, die nach dieser letzten Show endgültig die Türen zu macht.

KONSEQUENZ

Im Kern geht es um ein Konzept. Es geht darum, auch spontan wirkende Szenen zumindest rudimentär abzusprechen. Ja, es geht um Ideen, ein Skript, einen gemeinsamen Humor-Level und eine einheitliche Ansprache der Zielgruppe, die man selbstverständlich auch definieren muss. Im Content Consulting stellen wir zunächst einmal klassische W-Fragen und gehen von da aus in die Tiefe. Relevanz ist dann der Treiber: Wie relevant ist welcher Content für meine Zielgruppe? Halte ich sie damit vor dem Bildschirm oder langweile ich?

Dann geht es um Abwechslung. Darum war man sichtlich bemüht. Verschiedene Situationen wurden geschaffen, verschiedene Settings genutzt, allem fehlte jedoch ein verbindendes Element, das stringent und konsequent durchgezogen werden sollte. Wie schon in den vorigen Artikeln ausgeführt, hatte man das Vorankündigungsmotto „Die Kraft“ komplett vergessen und „Ein Abend unter Freunden“ war auch nicht wirklich als roter Faden zu erkennen. Grundsätzlich stellt sich da aus meiner Sicht die Frage, ob „Ein Abend unter Freunden“ überhaupt ein Motto für eine öffentliche, sogar mit internationalem Anspruch gestartete Live Show ist. Macht dieses Motto nicht die Show, sämtlichen Content und den Entertainment-Anspruch von Anfang an klein? Mit Freunden trifft man sich im Garten oder Wohnzimmer, tut private Dinge und tauscht Anekdoten aus. Das sollte nicht das Ziel eines Bedeutung beanspruchenden Branchen-Awards sein.

Anstelle des nicht eingeordneten Talks mit Matthias Thoben könnte man viele Beispiele von mutigen Unternehmern in die Show einbauen. Eine aufgezeichnete oder live online umgesetzte Speed-Dating-Runde kann zeigen, welche Innovationskraft und welch einzigartiger Kreativgeist in der Branche pulsiert. Außerdem schafft man damit relevanten Content, weil man erlebbare und emotionalisierte Praxisbeispiele zeigt.

Inszenatorisch braucht eine solche Award-Verleihung meines Erachtens nach Größe, das, was man klassisch als Grandezza bezeichnet. Damit meine ich nicht, dass alles übertrieben sein muss und vor Superlativen strotzen soll. Es geht vielmehr um einen Level, der den ausgezeichneten Projekten einen roten Teppich ausrollt und ebenbürtig ist. Dafür haben wir die Stage Identity entwickelt, die Live-Identität von Unternehmen, Verbänden, Institutionen. Wir setzen diese Theorie in die Praxis um, beraten und inszenieren danach als Bühnen- und Bildschirmfachleute. Wir stellen die Stage Identity mindestens gleichberechtig neben die Corporate Identity, denn heute ist es wichtiger denn je, wie Menschen live anderen Menschen gegenübertreten.

Beim BrandEx Award, das muss man sich vergegenwärtigen, reden wir ja nicht von den besten Kindergeburtstagen der Republik, sondern von Deutschlands sechstgrößtem Wirtschaftszweig mit über einer Million Beschäftigten, grandiosen und immer wieder Maßstäbe setzenden Ideen und Inszenierungen. Wir reden von einem Milliardengeschäft, das eine entsprechende Bühne, Wertigkeit, Respekt und Ehrerbietung verdient, wenn man seine Leistungsfähigkeit präsentieren möchte.

Gerade in dieser Zeit sollten wir unseren Kunden und unseren Crews, den eigenen Leuten, mit einem großen Aufschlag klar machen, welche Kraft, welche Macht große Live Shows grundsätzlich, aber eben auch auf dem Bildschirm entfalten können. In einer Zeit, in der viele überlegen, was man alles sparen kann, wenn man nicht in Live Events investiert und in der viele gelernte Konzepte in Frage gestellt werden, ist es wichtig, zu zeigen und zu betonen, wie Emotionen funktionieren und was sie bewirken können. Das hätte den ausgezeichneten Projekten Respekt gezollt. Und es wäre das gewesen, was wir bei uns im Live Streaming der Show auf großer Leinwand oder 4k-TV-Screen erwartet hatten: Großes Kino!

Hey, Branche, wir müssen reden! Oder wie einst Tony Mono, der Comedy-Starproduzent bei 1LIVE, zu sagen pflegte: „Daaaaas geht besser!“ Weil das hier keine Comedy ist, weil es uns alle angeht, weil es unsere Zukunft als Branche ist, lasst uns sprechen. Wir freuen uns auf eure konstruktiv-kritischen Stimmen bei den nächsten Schritten. Stay tuned – für Teil 7 von 7.


Tobias Weber ist Geschäftsführender Gesellschafter bei der format:c live communication GmbH und ein Teil der Live Streaming-Komplettlösung StreConFlex. Als Regisseur und Creative Director verantwortet er zahlreiche Filmprojekte, Theaterproduktionen und Corporate Events für Weltmarken. Seine Erfahrungen umfassen außerdem crossmediale Konzepte, TV-Produktionen, Road-Shows und Kampagnen sowie Online-Events.


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Bildquelle: format:c live communication GmbH

Autor: Gastautor: Tobias Weber | format:c live communication GmbH

Veröffentlicht am: 26.03.2021


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