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Meinung, Agenturen, EventTech

Einspieler

Teil 4 der Nachbesprechung des BrandEx Awards 2021

Nach meinem Überblick zum BrandEx Award 2021, gehe ich nun detailliert in sieben Artikeln auf die Award-Verleihung ein. Ohne journalistischen Neutralitätsanspruch ist meine Kritik subjektiv, wird sich in der Beschreibung des Kritisierten jedoch um Objektivität bemühen. Jeden Artikel teile ich in die Beobachtung und die Konsequenz auf. Es entsteht daraus eine Art Leitfaden für Live Shows im Online-Event-Zeitalter. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr biete ich Ansätze, Gedanken, Ideen und Visionen und der Rest ist – wie man so schön sagt – up to you!

Die Seite im Freundebuch hat diesmal unser Cutter Benedikt Fischer gestaltet und seine Inspirationen in den Artikel mit einfließen lassen.

BEOBACHTUNG

Im Opener Film fand sich zunächst reichlich Selbstinszenierung zahlreicher Beteiligter der Show. Außerdem wurde ein mysteriöses Paket auf den Weg gebracht. Um den Award und die Branche ging es kaum. Dafür bekräftigte der Opener das Motto „Ein Abend unter Freunden“, denn außer den eingeweihten Freunden hat vermutlich kaum jemand verstanden, was hier im Detail gezeigt und eingeleitet wurde.

Als Moderator Aljoscha Höhn gegen 18:40 Uhr – da ist es im März in Deutschland dunkel – das immer noch live auf dem Weg befindliche ominöse Paket aus dem Intro-Trailer nochmal ins Spiel bringt, sieht man im folgenden Einspieler das Lastenrad durchs sonnige Berlin fahren. Höhn bemerkt den Anschlussfehler, ist kurz sprachlos, lacht. Was soll er auch machen? Man ist ja live.

Nach gut 77 Minuten wird unvermittelt und ohne Grund ein Foto von Jan Kalbfleisch eingeblendet. Höhns „Wer war er?“ und das fragende Gesicht sprechen Bände. Die Regie scheint ihn heute maximal herausfordern zu wollen. Zuweilen hofft man, es möge gleich Guido Cantz hereinkommen und Aljoscha zeigen, wo überall die versteckten Kameras hängen. Überhaupt rechnete ich eine Weile lang damit, dass irgendwann die große Auflösung kommt: Ein Vorhang fällt, fette Musik, tosender Applaus vom Band, eine große Bühne und ein Mega-Award-Einspieler – es war alles nur ein Gag. WIR, die Eventbranche, wissen natürlich, dass man so einfach keine Show machen darf. Jetzt geht es richtig los. Spoiler: Dieser Effekt blieb bis heute aus. Als es nach 81 Minuten Show beim Paket-auf-dem-Weg-Einspieler immer noch hell ist, lacht Höhn nur noch verzweifelt.

Ein Fakt, der aus handwerklicher Sicht zu erwähnen ist: Viele Einspieler wurden nicht ausgespielt. Pikant: Beim einführenden Film zu den Kategorien – der sie leider nicht erklärt hat – konnte man gerade noch das „powered by“ lesen. Die dann vermutlich geplante Einblendung von Sponsoren am Schluss des Films fehlte allerdings. Gut, rückblickend wird das die wenigsten stören, dass ihr Logo dort einmal weniger aufgetaucht ist. Ton hatten die Einspieler auch öfters mal nicht oder zu spät.

Wie prämierte Projekte vorgestellt werden, ist immer ein großes Thema bei Award-Shows. Beim BrandEx gelingt es fast nie, hier in Kürze verständlich zu erklären, wofür eigentlich der Preis gewonnen wurde. Eine echte Leistungsschau der Branche ist so nicht möglich. Höhn verweist für weitere Infos in braver Regelmäßigkeit auf die Homepage des Awards. Was die Show hier an Werbung für die Detailarbeit aller Gewerke einer Live-Produktion, für perfektes Content Consulting im Marketing und für die Bedeutung crossmedialer Konzeptansätze hätte bedeuten können, verpufft vollständig. Die Einspieler zu den Projekten sind, bis auf wenige Ausnahmen, vergleichsweise lieblos zusammengeschnittene Potpourris aus dem vermutlich von Kunden freigegebenen, nichtssagenden Material. Einen Einblick in die Projekte, vor allem für branchenfremde Zuschauer, mit begeisterten Kundenstimmen sucht man vergebens. Marketing der Marketingbranche für sich selbst? Fehlanzeige.

KONSEQUENZ

Insgesamt wünscht man sich für eine solche Show ein Medienkonzept. In Ansätzen gab es das, denn zumindest herrschte grafische Einheitlichkeit in den Trailern zu den Kategorien. Aber warum so wenig Inhalt? Wieso erklärt man nicht die Bewertungskriterien, zeigt die Jury bei der Arbeit und nimmt Projekte aus den Vorjahren als Beispiele/Benchmarks? Peter Blach möchte doch die Halbwertszeit der Siegerprojekte verlängern und versucht das mit einer Punkteliste. Unser Geschäft ist aber am Ende immer ein Geschäft der Emotionen und kein Geschäft der Nachkommastellen. Knallige, fette oder auch mal leise, künstlerische Filme mit vielen O-Tönen würden diese Emotionen viel besser transportieren. In der Regel sind die Emotionen in den Projekten bereits vorhanden! Man muss sie nur zeigen.

Zum Medienkonzept einer mehrstündigen Live-Show gehören heutzutage auch nicht nur Intro und Outro, sondern auch grafische Trenner und Jingles, beispielsweise um Ortswechsel im Studio eleganter überspielen zu können.

Besonders bemerkenswert ist für mich, wie wenige Kunden in der Show zu Wort gekommen sind. Wir wollen lobende Worte zu den Siegerprojekten hören und sehen. Vorher aufgezeichnet als Einspieler hätte man damit sogar die Preisträger nochmal überraschen können. Exkurs: Aufgrund der vorbereiteten Live-Schalten zu den Preisträgern war den Gewinnern im Vorfeld klar, wer gewonnen hat. Das ist der größte Spannungsmoment beim Format Award-Verleihung: WER BEKOMMT DEN PREIS? Nun, das hatte man hier einfach komplett gekillt und verschenkt auch den klassischen Einspieler-Überraschungs-Moment.

All das und vor allem die wenigen Kundenstimmen sind ein Sinnbild für die schlechte Kommunikation der sogenannten Kommunikationsspezialisten. Die altbackene kommunikative Geheimniskrämerei um interne Veranstaltungen ist vorbei. Heute zeigt man, was man für seine Mitarbeiter, Kunden und Stakeholder organisiert, was man investiert und wie man sich in diesen Bereichen aufstellt. Dabei muss man, vor allem bei Filmen, keine Sorge haben, dass Interna nach außen dringen. Man muss nur verstehen, dass nicht nur Kunden, sondern auch Fachkräfte ein Unternehmen heute auch und vielleicht oft zuvorderst nach diesen Maßstäben bewerten.

Der Branchen-Award muss auch hier ein Zeichen setzen für Profession und Top-Qualität bei gut durchdachtem Bewegtbild. Stattdessen sieht vieles so aus, als wäre es mal eben flott vom Trainee mit der aktuellen Schnitt-Freeware zusammengedengelt. Kein Konzept. Hauptsache bunt und laut. Wir wünschen uns Medienkonzepte, Storyboards, echte Inhaltsvermittlung durch Filme, sauberes Handwerk und weniger Schnell-Schnell und leeres Mode-Mucke-Grafik-Generisch-Geballer.

„We have real stories to tell“ – das kündigt die Homepage der für den Media Content verantwortlichen Berliner astronaut GmbH an. Das glaubt man ihnen grundsätzlich auch, aber das heißt ja nicht, dass ihre Kunden auch wirklich was zu erzählen haben. Auf der Homepage folgt die Anschlussformulierung „And so do you.“ Beim BrandEx Award wurde das Potenzial der zu erzählenden Geschichten nicht erkannt. Beraten wurde in diese Richtung aber offenbar auch nicht.

Hey, Branche, wir müssen reden! Oder wie einst Tony Mono, der Comedy-Starproduzent bei 1LIVE, zu sagen pflegte: „Daaaaas geht besser!“ Weil das hier keine Comedy ist, weil es uns alle angeht, weil es unsere Zukunft als Branche ist, lasst uns sprechen. Wir freuen uns auf eure konstruktiv-kritischen Stimmen bei den nächsten Schritten. Stay tuned – für Teil 5 von 7.


Tobias Weber ist Geschäftsführender Gesellschafter bei der format:c live communication GmbH und ein Teil der Live Streaming-Komplettlösung StreConFlex. Als Regisseur und Creative Director verantwortet er zahlreiche Filmprojekte, Theaterproduktionen und Corporate Events für Weltmarken. Seine Erfahrungen umfassen außerdem crossmediale Konzepte, TV-Produktionen, Road-Shows und Kampagnen sowie Online-Events.


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Bildquelle: format:c live communication GmbH

Autor: Gastautor: Tobias Weber | format:c live communication GmbH

Veröffentlicht am: 24.03.2021


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