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Meinung, Agenturen, EventTech

Überall nur Corona!

Nur Krise oder die ganz große Chance zur Profilschärfung?

Die ganze Welt, alle Beziehungen, privat wie wirtschaftlich und alle Prozesse befinden sich gerade massiv im Umbruch. Weder Umwelt- noch Ressourcenfragen, auch nicht die anstehenden Anforderungen der Digitalisierung, haben sich so nachhaltig auf unser Sein und unsere Existenzberechtigung ausgewirkt.

Wunderbar und absolut richtig finde ich den Standpunkt der Initiative #alarmstuferot, dass unser Wirken weit mehr ist, als ein bloßes „Nice to have“, viel mehr eine Schlüsselindustrie für nachfolgende Geschäfte, die am Ende Wirtschaft ausmachen und deren Verlässlichkeit prägen.

Ich möchte mich hier mal ganz persönlich bei allen Kollegen bedanken, die diese Initiative begleiten und unterstützen. Eigentlich ist es befremdlich, dass wir als Veranstaltungswirtschaft Lobbyarbeit in eigener Sache so lange vernachlässigt haben und es vorzogen unsichtbar im Hintergrund zu bleiben. Dieses Wirken an Sichtbarkeit und dem Verständnis für unseren Anteil an wirtschaftlichen Beziehungen und Erfolgen finde ich grandios und überaus wichtig.

Doch sonst beschleicht mich der Eindruck, dass kollektive Ablenkungsmodelle zur Zeit Hochkonjunktur haben! Seit über einem halben Jahr befindet sich die gesamte Veranstaltungswirtschaft im luftleeren Raum. Wir fahren „auf Sicht“, ein Begriff, den keiner mehr hören kann und will, doch er definiert die Abwesenheit von Planungssicherheit allgemeinverständlich und genau das macht uns über kurz oder lang den Garaus.

Mitte März die Schockstarre, wir fielen ins Schwarze Loch von 24/7 auf ein Level von Kurzarbeit und Halbtagsaktivität, um bestehende Buchungen zu verschieben, Stornokosten zu diskutieren, Verträge mit höchstmöglicher Kulanz nachzuverhandeln und die liegengebliebene allgemeine Ablage abzuarbeiten.

Manch einer hat die plötzliche Freiheit genossen, die Streamingdienste feierten ihre große Stunde und schon nachmittags konnte man es sich im Sessel gemütlich machen oder aktiv beim Waldlauf das Frühjahr kommen sehen, der leere Terminkalender schaffte Freiräume für die Privatperson.

Im Mai und Juni kamen von einem „Branchenverband“ stetige Meldungen über die neuesten Zahlen der Bundesländer, unter welchen Umständen wie viele Teilnehmer für ein Live-Event zusammenkommen dürfen. Hygienekonzepte kamen in Mode und manch einer nutzte die freie Zeit, um einen neuen hübschen Schein über Fortbildung für teures Geld zu ergattern, gefühlt ist heute jeder zweite Kollege offiziell auch Hygienebeauftragter.

Parallel wuchs die Anzahl der Online-Tutorials in den Himmel, teils proaktiv ohne umständliche Registrierungen oder nach klassischen Registrierungsverfahren, mit Datenerfassung, wobei die Auswertbarkeit einer echten Teilnahme und deren Erfolg meines Erachtens gar nicht messbar sind, wenn nur Klicks und Daten gesammelt werden.

Wer schnell war, suchte und fand seine vermeintliche Nische, das Digital-Event, Hybrid-Event und sogar virtuelle Events - der Mensch agiert im programmierten Raum, weil die korrekte Begrifflichkeit im Trubel des Kampfs um Marktanteile schlicht unterging.

Nach den ersten Experimenten wissen wir, dass die digitale Parallelwelt für Events bedingt tauglich ist. Hauptversammlungen für Aktionäre, Mitgliederversammlungen von Gruppierungen, die eine entsprechende Satzung mit Pflichtzusammenkünften haben oder ganz einfach die Zoomkonferenz statt einem Jour Fixe oder einem realen Co-Worker-Meeting mögen so möglich und ggf. zukunftsfähig gestaltet werden. Aber es ist für viele Formate eben kein probates Mittel, das sich in eine Zeit nach „Langweile mangels Beschäftigung“ retten kann.

Digitalisierung von Alltagsprozessen ist eine klare Anforderung an Bildung und Wissensvermittlung grundsätzlich, Verwaltung und auch Kommunikation wie Pressekonferenzen oder Zuschalten zu TV-Formaten. Doch als Erlebnisformate im Beziehungsmanagement taugen sie herzlich wenig.

Nach einem wundervollen MICE CLUB LIVE in Frankfurt und den ersten Live Formaten der Locations-Messe oder von Illerhaus Marketing im August und September, um nur einige Beispiele zu nennen, hat nun das Virus die losen Enden des Stricks um unseren Hals wieder gefunden und zieht. Je größer der Inzidenzwert, desto stärker wird wieder gezogen und schnürt uns erneut massiv die Luft ab.

Es macht mich in der Tat fertig die vollen Lager unserer Technikpartner und Eventausstatter zu sehen oder die Anstrengungen von genialen Cateringpartnern sich mit Ideen zur Kulinarik bei hybriden Events über die Krise zu retten. Zu sehen wie Hotels ganze Etagen oder Häuser in den Dornröschenschlaf schicken und darauf warten, dass der Prinz kommt und die Rosenhecke mit dem edlen Schwert zerschlägt. Die ersten Opfer sind zu beklagen, wie das Traditionshotel „Hessischer Hof“ in Frankfurt, das nun für immer seine Pforten geschlossen hat.

Wir Agenturen werden davon nicht verschont, auch wenn wir erst einmal den Vorteil haben, dass unsere Betriebskosten nicht im Anlagevermögen zu finden sind, sondern in Knowhow und bewährtem Personal. Dank Überbrückungsgeld für Betriebskosten, guter Rücklagen für den Lebensunterhalt des Unternehmers und Verlängerung von Kurzarbeitergeld kommt der Bedarf des Umdenkens und der Novellierung jedoch verzögert an.

Die Agenturen reagieren je nach treibender Kraft unterschiedlich. Anpackend mit dem Nähen von Masken zu Anfang der Pandemie bis zu ehrenamtlichen Tätigkeiten einer ganzen Belegschaft. In den Social Media-Kanälen schafft das Präsenz, mit wirksamen Fotos wird demonstriert „Wir leben noch“.

Der Kopfsprung in die Digital- und Hybridwelt nach dem „Try-and-Error-Prinzip“ oder das Posten von Souvenirs aus besseren Zeiten von großartigen Events: Auch hier kommt bis jetzt das Signal „Wir leben noch“ bisher gut und charmant rüber und hält die Kommunikation zu Kunden und Partnern aufrecht, aber wie lange funktioniert das noch?

Ich frage mich indes, ob das Modell der klassischen Eventagentur langfristig überhaupt noch tragfähig ist und würde mich freuen, wenn das stärker diskutiert würde.

Die Expertise zuverlässig Events nach dem aktuellen State-of-the-Art zu planen und durchzuführen verlangt schon seit Jahren immer stärker das Verzahnen von unterschiedlichsten Gewerken. Raumplanung, Visualisierung, Teilnehmererfassung und -verwaltung, Grafik und Design von begleitenden Medien, nun verstärkt technische Kenntnis im begleitenden Hybridformat in Sachen Bild-, Ton- und Lichtdesign und Regie. All dies sind Teilbereiche, die wir zwangsläufig outsourcen müssen, um fokussiert in der Kundenkommunikation und bei dessen Bedarf zu bleiben.

Kalkulatorisch ist vielen der Aufwand neuer Formate noch gar nicht klar. Ein Try-and-Error kann hier aber schnell zum betriebswirtschaftlichen Kollaps führen.

Dazu kommt eine kaum publizierte Thematik, die zwar immer mal wieder im Raum stand, aber nie durchgesetzt wurde: Seit 17.12.2019 durch Beschluss des Bundesrates auf Drängen der EU unterliegen alle Handelsgeschäfte mit „Reiseleistungen“ im B2B-Bereich der Margenbesteuerung. Ohne Übergangsfristen und ohne Definition der „Reiseleistung“ an sich.

Fazit daraus ist, dass der Einkauf von Leistungen über eine Eventagentur weder für diese, noch für den Endkunden, egal ob Verbände oder Industrie, einen Vorsteuerabzug ermöglichen. Über welche Prozentpunkte wir im Preiskampf mit den Mitbewerbern auch immer gerungen haben. Diese Tatsache bedeutet für den Kunden eine klare Preissteigerung von 16% bzw. 19%, wenn er weiterhin seine Leistungen über eine Agentur einkauft.

Ich sehe das so, dass wir nun die große Chance haben, aus dem veralteten Geschäftsmodell der klassischen Eventagentur und deren „Zulieferer“ schnellstens auszusteigen, im Sinne der eigenen Rechtssicherheit, im Sinne der partnerschaftlichen Zusammenarbeit der Gewerke, zum Wohle des Kunden und natürlich im Sinne unseres Kunden, der ohne Mehrleistung erhebliche Mehrkosten hinnehmen muss, wenn wir so weiter machen wie bisher.

Ich sehe mich schon lange als Planerin, als Eventarchitektin und nicht als Handelsbetrieb für MICE-Leistungen. Das Agenturhonorar ist eine Eigenleistung für Planung und Umsetzung des Events, kein Handelsaufschlag zwischen EK und VK der Leistung. Die Prozentualität des Honorars bleibt davon unbenommen, das Honorarmodell der Architekten basiert je nach Planungsstand und Bauabschnitt ebenfalls aus prozentualem Anteil der Bausumme.

Doch es ist ein langer Weg, wenn wir als Freiberufler gemäß EStG § 18 ähnlich dem Architekten, Rechts- oder Steuerberater wahrgenommen und anerkannt werden wollen. Gemeinsam ist der Weg zum „Katalogberuf Eventmanager“ weniger steinig als alleine und die Sensibilität seitens der Instanzen durch die Krise erhöht.

Das Festhalten am klassischen Modell birgt klare Risiken. Die Definition von Reiseleistung wird Gerichte beschäftigen und die Finanzämter und Handelskammern fackeln nicht lange und verlangen ihren Obolus, Präzedenzfälle werden lange auf sich warten lassen.

Jetzt, mit Raum und Luft über solche Essentials unserer Branche nachzudenken und die daraus folgenden Konsequenzen zu verfolgen, wäre ein echter Gewinn aus der Krise.

Ich wünsche frohes Denken und gerne auch öffentlich in den Foren unserer Branche!


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Autor: Gastautorin: Gabi Schares

Veröffentlicht am: 04.11.2020


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