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Mobilität, Themensammlung - Corporate Responsibility

Nicht reden, machen – Geschäftsreisen ohne Flugzeug

Mit dem Zug zur ibtm nach Barcelona: Ein – gar nicht so einfacher – Selbstversuch (Teil 1)

Seit über zehn Jahren bin ich Veranstaltungsplaner und davon über sieben Jahre bei EventMobi. Kontinuierlich versuchen wir, die MICE-Branche zu verändern, Ressourcen zu sparen und Veranstaltungen besser zu machen. Um das umzusetzen reise ich. Viel. Jedes Jahr. Um den Überblick über mein Reiseportfolio nicht zu verlieren, benutze ich Triplt. Die Bilanz, die sich daraus ziehen lässt, ist ernüchternd. In manchen Jahren kam ich auf über 100.000 zurückgelegte Kilometer. Anfang des Jahres habe ich also beschlossen: Schluss damit, so kann das nicht weitergehen. Und schon mal eins vorweg: Ich möchte hier keine Diskussionen über die Notwendigkeit von klimaschonenden Maßnahmen beginnen (denn: ja, diese sind notwendig!) oder die Frage aufwerfen, wie man diese Maßnahmen am effizientesten durchsetzt (eine Abgabe von 180 Euro pro Tonne CO2 wäre ein kleiner Anfang). Ich wollte es einfach mal machen!

In unserem Unternehmen versuchen wir schon auf vielen Wegen möglichst CO2-arm zu arbeiten. Beispielsweise verzichten wir generell auf Vor-Ort-Termine. Das funktioniert auch sehr gut. Zudem erlauben unsere Reiserichtlinien innerhalb Deutschlands keine Flüge. Auch das ist kein Problem und lässt sich relativ unkompliziert einrichten. Wenn jemand morgens um neun in Bonn sein muss, dann ermöglichen wir es ihm, einen Tag früher anzureisen, um vor Ort zu übernachten. Und tatsächlich: Die Kollegen finden das gut. Aber natürlich ziehen wir auch das gesamte andere Programm durch. Wir benutzen nur Geräte, die wenig Energie brauchen, beleuchten nur mit LEDs, trennen selbstverständlich Müll und so weiter.

Diesen Herbst wollte ich allerdings für mich persönlich wissen, wie weit sich meine ökologischen Visionen innerhalb eines Unternehmens auch wirklich in die Tat umsetzen lassen. Komme ich durch den Herbst, ohne mich ein einziges Mal in ein Flugzeug zu setzen? Und: Wie komme ich möglichst CO2-arm zur IBTM nach Barcelona, wo ich als Mentor und Referent agiere? Wie schaffe ich es nach Belgrad, wo ich Keynote-Referent auf einem MICE Forum bin?

Ich sollte feststellen, dass man hier – selbst als geübter Dienstreisender – schnell an seine Grenzen stößt. Zugverbindungen suchen ist – so bald es international wird – nur noch eins: schwierig. Und davon mal abgesehen ist die Zugstrecke nach Belgrad aktuell gesperrt. Also schaue ich weiter nach Bussen, die ebenfalls sehr klimaschonend sind. Wie kombiniert man aber einfach, schnell und übersichtlich Busse und Züge? Die paar multimodalen Suchmaschinen – wie beispielsweise Rome2Rio – sind zwar ein Anfang, aber wirklich hilfreich sind diese auch nicht. Zudem ist das Buchen von internationalen Zügen mit BahnCard100 noch schwieriger. Mein online-affines Ego wurde geknickt: Ich musste ins Reisebüro. Doch schon ein kurzes Telefonat mit unserem eigenen Reisebüro brachte die nächste Ernüchterung – komplexe Bahnverbindungen buchen lohne sich nicht. Also müssen die großen Geschosse her: Das Reisebüro Kopfbahnhof, an der Grenze zwischen Kreuzberg und Schöneberg. Der Kopfbahnhof spezialisiert sich auf Bahnreisen und kann mir sicherlich weiterhelfen. Als ich um 17 Uhr im Kopfbahnhof ankam, erlebte ich geschäftiges Treiben. Alle Plätze waren besetzt. Züge haben offenbar ihre wohlverdiente Renaissance. Als ich an der Reihe war, gestaltete sich eigentlich alles recht einfach: Der Kundenbetreuer kannte die Strecke nach Barcelona gut und konnte mir auch nach Belgrad helfen. Damit das Ganze als Dienstreise funktioniert, muss man jedoch ein paar Dinge beachten.

  1. Man muss nachts schlafen können. Das ist allerdings gar nicht mehr so einfach, seit die Deutsche Bahn die Nachtzüge ausgedünnt hat.
  2. Man sollte tagsüber idealerweise WLAN haben.
  3. Die Umstiege sollten so lange dauern, dass man eventuell sogar noch einen Termin einbuchen kann.

Der ganze Buchungsprozess dauerte ca. eine Stunde. In Zeiten von Online-Buchungen lässt sich, gefühlt, in der gleichen Zeit eine ganze Weltreise buchen. Die beiden Fahrten kosten zusammen 821 Euro. Auch das tut weh.

Wie lässt sich der Zug also finanziell und klimatechnisch mit dem Flugzeug vergleichen?

Hier wird ganz deutlich: Zugfahren ist aktuell, auf diesen Strecken, nicht wirtschaftlich. Eine Zugfahrt kostet so viel wie ein Flug in der Businessklasse (nicht dass jemand, der bei Verstand ist, auf diesen Strecken Business fliegen würde). Um nach Belgrad zu fahren, muss ich einmal umsteigen, kann dafür aber 75% der Strecke im Schlafwagen verbringen. Eigentlich ideal. Ich habe in Budapest einen dreistündigen Aufenthalt und kann problemlos Kunden treffen. In Budapest steige ich dann mittags in den Bus und fahre nach Belgrad. Die Strecke nach Barcelona gestaltet sich da schon deutlich schwieriger: Ich muss in Basel, Belfort und Lyon umsteigen, jeder Umstieg dauert jeweils um die 60 Minuten.

Wenn wir uns nun den CO2-Ausstoß anschauen, dann spricht die Statistik eine ganz deutliche Sprache. Mit Zug und Bus reisen macht einen gewaltigen Unterschied - in allen Kategorien. Ganz gleich, ob man sich das eingesparte CO2, die Kohlenwasserstoffverbindungen, den Energieverbrauch und die Stickstoffverbindungen anschaut: Der Zug ist dem Flugzeug in jeder Hinsicht überlegen. Lediglich beim Feinstaubausstoß schneiden Züge nicht besser ab.

Das Ganze gestaltet sich allerdings unterm Strich sehr ernüchternd: Ja - ich kann wesentlich weniger CO2 ausstoßen, wenn ich das will. Der Preis dafür ist allerdings hoch: Mir gehen dafür mindestens 20 Stunden verloren, auch wenn ich während dieser Zeit arbeiten kann, was insbesondere in den modernen TGV-Zügen in Frankreich und den Fernbussen möglich ist. Der preisliche Faktor ist das viel größere Problem. Der Preisunterschied von bis zu 430 Euro ist nur bei wirklich starker Überzeugung und individuellen Reisen zu verantworten. Ich werde es meinem Team kaum zumuten können, mit dem Zug nach Barcelona zu fahren. Zudem beläuft sich der Preisunterschied, wenn wir fünf oder sechs MitarbeiterInnen auf eine Messe mitnehmen, schnell auf tausende Euro.

In einer Aussprache mit meinem Team habe ich meine Einsichten geteilt. Zwei Ansätze erscheinen mir hier sinnvoller: Weniger reisen und dezentraler arbeiten. Das bedeutet, dass man sich wirklich fragen muss, ob man diese Reise antreten muss, oder ob sich die Dinge auch online klären lassen. Als erfahrener Veranstaltungsplaner weiß ich, dass der direkte Austausch eigentlich unersetzlich ist. Darüber hinaus ist es ein Schritt in die richtige Richtung, den Versuch zu starten, Meetings dezentral zu organisieren. Salesforces DreamForce macht es mit 135.000 TeilnehmerInnen vor, indem diese an regionalen Hubs teilnehmen können. Maarten Vanneste vom Meeting Design Institute (MDI) verfolgt eine ähnliche, wegweisende Mission mit seinen Multi-Hub-Meetings.

Eine Idee, die hängen blieb, aber Veranstalter in die Verantwortung nimmt, ist: Können wir die Anreise gemeinsam klimaschonend begehen? Eine Vision: Zur IBTM einen Nachtzug von Berlin nach Barcelona. Mehrstündige Aufenthalte in Köln, Brüssel, Paris – überall dort, wo auch Veranstaltungsplaner nach Barcelona wollen. Schlafwagen und Arbeitszimmer, WLAN, Austausch, Vorträge. Vor einigen Jahren gab es das in einer kleineren Fassung bereits. Teilnehmer einer Tagung in Berlin konnten im gecharterten ICE direkt von Berlin zur IMEX nach Frankfurt. Ein kurzer Anruf beim DB Gruppencharter hat ein solches Unterfangen mit einer mehrmonatigen Planungszeit und einem hohen sechsstelligen Betrag veranschlagt. Liebes GCB, habt ihr noch irgendwo Geld rumliegen?

Was bei mir bleibt, ist die Vorfreude. Werde ich es schaffen, die Reisezeit zu nutzen, um sinnvolle Dinge zu tun? Kann ich während des Umstiegs Geschäfte abschließen? Werde ich sicherstellen, dass trotz der Kosten der finanzielle Aufwand ausgeglichen wird? Ich möchte es versuchen! Und: Wer mit auf die Reise will, darf mit. Wer die ganze Strecke oder auch nur einen Teil davon mit mir fahren möchte, soll mich bitte unter thorben@eventmobi.com kontaktieren.


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Bildquelle: Thorben Grosser | EventMobi

Autor: Gastbeitrag: Thorben Grosser

Veröffentlicht am: 19.09.2019


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Fabian,
Schmid Travel Ltd.
24. September, 08:18 Uhr

Eigentlich erstaunlich, dass in der heutigen Zeit die Bahn(en) nicht auf der Höhe sind bezgl. Buchungsapps etc. Der Niedergang der Nachtzugverbindungen in den letzten 20 Jahren hat wohl keine Bahngesellschaft ermutigt, in neue Buchungstechnologien zu investieren. Oder liegt es auch daran, dass viele Staatsbahnen nicht so einfach kooperieren mit dem ausländischen Partner, wie es private tun könnten? Ich freue mich auf jeden Fall auf den Aufschwung auf Europas Schienen, und werde so viel wie es nur geht die Bahn wählen. Danke für den Selbstversuch, ein sehr aufschlussreicher Artikel.

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Elisabeth Stasch,
Stasch Event&Travel
20. September, 15:56 Uhr

Lieber Thorben, ich teile deine Ernüchterung. Meine persönliche Variante ist tatsächlich so gut es geht Reisen zu vermeiden. Wo es nicht geht, und der Flug die einzig realistische Variante ist, kompensiere ich. Hast du oder einer der Leser ggf. bereits Erfahrungen mit dem neuen LH-Angebot COMPENSAID? Dort kauft man Bio-Kraftstoff, der die Umweltbilanz ganz real reduziert - so die Website...

Ernüchternd sind auch meine Versuche Gruppenkunden auf die Bahn zu bringen. Sie scheitern an aufwändigen Umsteigeverbindungen und daran, dass die Bahn sich nicht ausreichend früh, nämlich in der Planungsphase z.B. 10 Monate voraus, auf Preise festlegen kann!! Von angenehmen Gepäckwägen, wo man unkompliziert sein Gepäck abgibt und am Zielbahnhof abholt, wie wir sie mal hatten, ganz zu schweigen. Es scheint noch kein echter politischer Wille da zu sein, die Bahn auf die Zukunftsschiene zu setzen. Kollegiale Grüße Elisabeth

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