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Technik-News

„Technologie ist ein Mittel, um Dinge leichter zu machen“

Berufsbilder in der Eventbranche: Heute im Interview Norbert Sroke, Gründer von LineUpr, Softwareentwickler im EventTech-Bereich

Norbert Sroke ist Softwareentwickler, Chef und Gründer von LineUpr, einem jungen Startup aus Dresden. Seit 2016 möchte LineUpr die Kommunikation zwischen Eventveranstalter und Besuchern interaktiver und direkter gestalten. Seine Event-App bietet einen Do-it-Yourself-Ansatz, mit dessen Hilfe jeder Veranstalter schnell, einfach und zu einem fairen Preis eine inhaltlich überzeugende und bereichernde App für sein Event erstellen kann. Wir unterhalten uns mit Norbert natürlich über seine App, aber vor allem über seinen Beruf, über die Freiheiten und Verpflichtungen eines Start-Up-Gründers und darüber, wie es ist, Familienvater und Chef zu sein.

MICE Club: Hallo Norbert, was machst Du gerade?

Ich bin zuhause, sitze in meinem Arbeitszimmer und telefoniere mit Dir. Gerade habe ich meinen kleinen Sohn ins Bett gebracht, der jetzt glücklicherweise tief und fest schläft, so habe ich Zeit für unser Telefonat. Wir haben erst ab Oktober einen Kita-Platz, so dass meine Frau und ich uns die Betreuung gerade teilen dürfen.

MICE Club: Das ist ja schon mal ein unkonventioneller Einstieg in das Berufsbild des Softwareentwicklers – gibt es bei Dir auch klassische Arbeitstage?

Ja klar, jede Menge. Wir haben ein Büro in der Innenstadt von Dresden. Da sitze ich am Rechner und programmiere oder bearbeite Tickets – also Kundenanforderungen, die online ankommen. Außerdem läuft parallel ganz viel Kommunikation, mit Mitarbeitern, mit Kunden, mit Partnern. Ich mag es, verschiedene Dinge zu tun. Deswegen möchte ich auch als Geschäftsführer entwickeln und das „Geschäft führen“. Das ist sehr abwechslungsreich – von der Werbekampagne, über Gespräche mit Interessenten und Bewerbern bis hin zum Kern meines Tuns – der Weiterentwicklung von LineUpr.

MICE Club: Wen führst Du denn so – wie viele Mitarbeiter seid Ihr?

Mittlerweile gibt es neben mir vier festangestellte und immer zwei oder drei studentische Mitarbeiter. Wir wachsen ständig und sind gerade wieder auf der Suche – falls einer der Leser oder Leserinnen Interesse hat, meldet Euch gerne.

MICE Club: Wonach richtet Ihr Eure Entwickleraufgaben – seid Ihr „agile“?

LineUpr ist eine Do it yourself-App, so dass wir aus den Rückmeldungen und Erfahrungen der Kunden mit der App unsere Entwicklungsaufgaben ziehen können. Momentan, in der Wachstumsphase, ist es oft so, dass Kunden mit einem Bedarf an uns herantreten – ihnen fehlt etwas oder eine Funktion ist nicht einfach genug. Hier entscheiden wir manchmal auch aus dem Bauch heraus, ob ein Nacharbeiten an dieser Stelle sinnvoll und „mehrwertig“ ist. Fehlt etwas, weil wir nicht klar kommunizieren oder fehlt etwas, das wir programmieren und anbieten müssen? Wenn ja, liefern wir nach. Parallel erschließen wir neue Märkte, wachsen international. Auch daraus ergeben sich neue Entwicklungsaufgaben – zum Beispiel die Umstellung auf das p.m./a.m.-Zeitformat. Momentan sind wir also stark marktgetrieben und das eigenmotivierte Planen neuer Features funktioniert nur, wenn Zeit ist. Also eher selten.

MICE Club: Warum eigentlich Do-it-yourself?

Meine Idealvorstellung war, dass die Leute einfach loslegen und ausprobieren. Dass diese Barriere aus „Anfrage-Angebot-Kostenunsicherheit-Wartezeit…“ wegfällt. Unsere Lösung ist keine klassische App im Appstore, es ist eine mobile Webseite, die funktioniert wie eine App. Sehr nutzerfreundlich, sehr einfach. Tatsächlich ist der Bedarf groß, wie wir täglich zu unserer Freude feststellen.

MICE Club: Wie werden Kunden auf Euch aufmerksam?

Unser Alleinstellungsmerkmal und Grundprinzip ist die moderate Preisgestaltung, die es den Nutzern erlaubt, alle Events mit LineUpr zu „bespielen“ – auch kleine Events oder Workshops. Dadurch, dass bei uns so viele Barrieren wegfallen, erweitert sich schnell der Nutzerkreis und damit natürlich auch der Kreis der Teilnehmer, die LineUpr in die Hand bekommen. So wächst der Interessentenkreis ständig und wir müssen gar nicht viel machen, außer ein bisschen Google-Ads und SEO. Außerdem sind wir im Direktvertrieb unterwegs und gehen ab und zu auf Messen.

MICE Club: Der Arbeitsmarkt für Softwareentwickler ist ein Arbeitnehmermarkt, die guten und sogar die nicht so guten EntwicklerInnen könn(t)en sich die Jobs aussuchen. Warum sollen sie sich für einen Job in der EventTech-Branche entscheiden?

Hm, das kann ich schwer verallgemeinern. Reden wir von mir. Ich entwickele gerne Software, die von vielen Anwendern genutzt wird, die nahbar, nicht abstrakt ist. EventTech ist ganz nah am Nutzer, hat eine hohe Usability, also eine hohe Anwenderorientierung. Die Eventbranche ist innovationsgetrieben, sucht immer nach dem Neuen. Das ist gut für mich, so kann ich spielen, ausprobieren und Ideen entwickeln, statt Pflichtenhefte von Kunden abzuarbeiten. Die Zusammenarbeit mit Kunden ist daher auch sehr „hands-on“ – „Wir brauchen was, mach Vorschläge, Norbert“. Das ist ein ganz anderes Vorgehen als zum Beispiel bei einer Software für Industrieanlagen, für die die Anforderungen klar gefixt sind und abgearbeitet werden müssen. Schreckliche Vorstellung, für mich.

MICE Club: Softwareentwickler haben es doch gut in den Unternehmen - warum hast Du Dich mit einem Start-Up selbstständig gemacht?

Ich bin kein guter Arbeitnehmer, das habe ich schon in den Praktika während meines Studiums gemerkt. Das Hamsterrad fühlte sich extrem unangenehm an und entsprach nicht meinem Lebens- und Arbeitsrhythmus. Jeder von uns kennt doch, wenn er ehrlich ist, Tage, an denen man nix zustande bekommt und dann soll ich trotzdem acht oder neun Stunden präsent sein? Warum? Und wenn ich uninspirierte Aufgaben abarbeiten muss, für die ich keinen innerlichen Antrieb fühle, dann hilft es auch nix, wenn das Geld stimmt. Ich mag es, Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Vorschläge zu machen und im Team zu diskutieren. Und dann will ich einfach losprogrammieren und schauen, wo es mich hinführt.

Oder nimm die familiäre Situation, in der ich gerade bin. Was würde ich denn als Angestellter mit meinem Sohn machen – mitnehmen ins Büro oder bis Oktober Urlaub nehmen? Das ist so weit weg von meiner Realität, das kann ich mir gar nicht vorstellen.

MICE Club: Jetzt bist Du selbstständig, aber auch Chef von einigen Mitarbeitern, wie ist das für Dich?

Sehr ungewohnt, aber auch großartig. Ich war es gewohnt, allein zu arbeiten und mir vieles im „Learning-by-doing“ selber zu erarbeiten. Jetzt muss ich Dinge abgeben und loslassen können. Es ist viel mehr Kommunikation und ich musste wirklich hart daran arbeiten, meine Kommunikation zu verbessern. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich anfangs meinen Mitarbeitern viel zu viel einfach hingeworfen habe. Es war ungewohnt für mich, plötzlich Verantwortung zu haben und Arbeit aufteilen zu müssen. Ein bisschen habe ich auch von meiner geliebten Freiheit verloren – ich kann nicht einfach mal so zwei Tage Kreativpause machen. Aber dafür habe ich die Möglichkeit gewonnen, Ideen im Team weiterzuentwickeln, das gleicht den Verlust mehr als aus, denn es bereichert – mich und auch den LineUpr.

MICE Club: Woher kam die Motivation, eine Applikation für die Eventbranche zu entwickeln? Hattest Du vorher schon mit der Eventbranche zu tun?

Ich mache Musik und hatte dadurch öfter mit Veranstaltern zu tun. Über die „Lange Nacht der Museen“ in Dresden entstand die Idee zu einer ganz einfachen Event-App und ich habe einfach etwas entwickelt. Im Kulturbereich sind die Budgets normalerweise sehr, sehr eng und ich dachte, dass es eine Lösung geben müsste, die in enge Budgets passt, weil der Nutzer sie selbst bedient. Super einfach, sozusagen ein „No-Brainer“, der auf Knopfdruck alle wesentlichen Funktionen bietet. Das ist die Grundidee von LineUpr – statt ein Veranstaltungsprogramm abzutippen und auszudrucken, einfach rein in die App und jeder hat es auf seinem Smartphone.

MICE Club: Das Veranstaltungsprogramm einfach online stellen - welches Problem in der Eventbranche löst Deine App noch? Auch im Hinblick auf Wettbewerber, die ähnliche Lösungen anbieten? Sprich, was macht Ihr besonders gut?

Besonders gut ist der Preis, die Einfachheit, die schnelle und maximal einfache Nutzbarkeit auch für kleine Veranstaltungen. Für den Nutzer fällt der Kommunikationsaufwand mit Anbieter und Entwickler weg – er kann loslegen und ausprobieren. Es gibt keinen Gebrauchsanweisungs-Overhead, nur wenige essenzielle Infos, die schnell zu verstehen sind.

Die App wird pro Event freigeschaltet und genutzt. Abogebühren fallen nicht an. Wobei ich mir vorstellen kann, dass es perspektivisch eine durchgängig nutzbare Lösung mit monatlichen Gebühren geben wird.

MICE Club: Ketzerische und/oder rhetorische Frage: Warum braucht die Branche überhaupt Technologie, wo es doch um Live-Kommunikation geht?

Ich frage zurück – wo fängt Technologie an – beim Lichtschalter? Technologie ist doch nur ein Mittel, um Dinge leichter zu machen. Bei der Live-Kommunikation bedeutet das, die Leute abzuholen. Live-Kommunikation heißt ja nur, dass es gerade jetzt stattfindet und vor Ort passiert – ob ich meine Informationen dann ins Publikum schreie oder eine schicke App benutze, ändert nix am „Live“.

Grundsätzlich ist der Einsatz von Technologie genauso zu betrachten wie jeder Methodeneinsatz bei Events: Ich habe Teilnehmer und die haben ein Nutzerverhalten. Das muss ich kennen und abbilden, den Anwender so erreichen, wie er es gewohnt ist und dabei am besten den Horizont erweitern, ein bisschen überraschen.

Sicher gibt es auch viele Events, die gut und gerne völlig ohne Technologie auskommen. Aber es gibt die meisten, die durch Technologie besser, nachhaltiger und informativer werden.

Unsere Aufgabe als App-Anbieter ist es, den Veranstaltern die Angst zu nehmen. Wir hören noch zu oft: „Das funktioniert mit meinen Teilnehmern nicht, die kennen das gar nicht.“ Aber diese Aussage stimmt nicht, jeder bedient mittlerweile ein Smartphone und dann kann er auch LineUpr nutzen.

MICE Club: Welche grundlegenden Qualifikationen benötigt ein Entwickler Deines Erachtens? (Ganz allgemein, über die Branchen hinweg.)

Lernfähigkeit und Flexibilität. Wer einmal eine Programmiersprache lernt und die dann sein gesamtes Berufsleben mitschleppen will, der wird nicht weit kommen. Entwickler müssen lernen, Probleme zu erkennen und diese unabhängig von der Technologie zu lösen – also selbstständig schauen, was ist das Problem und mit welcher Technologie löse ich es jetzt.

Und sie dürfen den Nutzer nicht vergessen. Viele entwickeln gute Funktionen, die aber von Produkt- nicht von Anwenderseite aus gedacht werden. Sie setzen das super und technisch brillant um und genau an dieser Brillanz scheitert der Anwender – weil es viel zu komplex ist.

MICE Club: Und was braucht er/sie ganz besonders im EventTech-Bereich? Anders gefragt: Gibt es Skills, die man bei Euch besonders gut einsetzen kann und die in anderen Entwicklerjobs vielleicht sogar stören würden?

Selbständigkeit und produktbewusstes Denken, wir entwickeln keine individuellen Lösungen, daher muss die Kundendenke von uns eingebracht werden.

MICE Club: Ihr stellt eine Do-it-yourself-App zur Verfügung, mit der jeder seine Event-App selbst erstellen kann – wo liegt die Herausforderung für den Entwickler?

Die Technologie selbst ist keine Rocket-Science, sondern die Summe guter Entscheidungen. Da LineUpr als DIY angeboten wird, müssen wir immer wieder ein richtig gutes Mittelmaß finden. Auf der einen Seite muss die App einfach sein und reduziert in den Funktionalitäten. Sie darf aber nicht zu einfach sein, sonst wirkt es schnell unprofessionell und nicht mehr „edgy“.

MICE Club: Du hast an einem Start Up-Wettbewerb teilgenommen (und gewonnen: Glückwunsch!) und präsentierst Dich mit einem Stand auf Fachmessen wie der Best of Events – also bist marketingseitig auch viel „live“ unterwegs. Steht das nicht im Widerspruch zum digitalisierten Produkt, das Du anbietest?

Die Messen waren sozusagen ein Nebenprodukt des gewonnenen Preises. Wir durften Messeteilnahme ausprobieren und haben es auch gerne getan. Messeauftritte funktionieren für uns nur, haben wir festgestellt, wenn Besucher genug Zeit haben, LineUpr auszuprobieren. Uns selbst auszustellen oder Visitenkarten zu sammeln, ist kein Ziel für uns. Es geht um die App.

Unser bester Vertriebskanal sind Tutorials, die durch Machen überzeugen. Sobald jemand unser Produkt ausprobiert, ist das Interesse groß. Deswegen werden wir auch die TechXperience besuchen, ich glaube, die bietet genau das richtige Format für uns.

MICE Club: Bist Du selbst eigentlich gerne auf Events? Oder anders gefragt, was macht der Entwickler, wenn er nicht entwickelt? Game-of-Thrones spielen?

Momentan kreist meine Freizeit vor allem um meine zwei Kinder. Ansonsten mache ich Musik, eine Art Live-Elektronik-Installationen mit Synthesizer, da werde ich hoffentlich irgendwann wieder mehr Zeit für haben.

Und zum typischen Entwicklerbild passt schon, dass ich sehr gerne allein bin – aber trotzdem sehr sozial. Ich bin gerne unter Leuten, kann gut mit Menschen, gehe auch gerne auf Events.

MICE Club: Norbert, das hört sich doch richtig gut an – etwas tun, worauf man Bock hat und im Privaten die Möglichkeit, viel Zeit für die Familie zu haben. Geht’s noch besser?

Ja, ich hätte manchmal gerne ein bisschen mehr Zeit, um mich zu langweilen.


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Bildquelle: Viviane Wild

Autor: Andrea Goffart

Veröffentlicht am: 15.11.2018


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