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Die weißen Flecken des Meeting Designs

Die Gruppe weiß mehr! Aber kann sie es auch umsetzen?

Kommt eine Gruppe von Menschen zusammen, um Inhalte zu entwickeln oder Entscheidungen zu treffen, lassen sich zwei interessante Phänomene beobachten, denen wir im Meeting Design bisher zu wenig Beachtung schenken:

  • Zum Einen die Erkenntnis, dass die Gruppe immer mehr weiß als der einzelne Experte, egal wie brillant dieser ist.
  • Zum Anderen die These, dass der Einzelne in der Gruppe oft mutiger entscheidet als alleine – auf jeden Fall anders.

Das erste Phänomen ist vielen von uns unter anderen Vorzeichen in letzter Zeit häufig begegnet: Die Crowd boomt! Viele Unternehmen versuchen, die Weisheit der Vielen zu nutzen. Im Manager Magazin äußert sich Sabine Brunswicker, Projektleiterin am Fraunhofer IAO, zu den Chancen und Risiken des Crowdsourcing und erklärt, dass viele Unternehmen scheitern, weil sie – vereinfacht gesagt – der Crowd die falschen Fragen stellen. Oder mit den Antworten nicht richtig umgehen.

Aber, was kann die „Masse“ denn wirklich und wie können wir dieses Phänomen für unsere kleine, definiert Crowd im Meeting Design nutzen?

Egal ob alle Besucher einer Nutztiermesse im Rahmen eines Gewinnspiels das Schlachtgewicht eines Rindes gemeinsam genau schätzen oder Polizisten das Ergebnis einer viralen Kampagne richtig erraten – zusammen hat die Gruppe ein ziemlich genaues Wissen, über ein Thema, das jeder Einzelne vorher nie behandelt hat. Dieses Wissen ist in der Gruppe versteckt. Das Individuum kommt dem Ergebnis vielleicht noch nicht einmal nahe, aber zusammen liegen sie nur um Haaresbreite daneben und schneiden besser ab, als einzelne Experten. James Surowiecki nennt es „Die Weisheit der Vielen“, Henry Jenkins bezeichnet dieses Wissen als kollektive Intelligenz und auch die Meeting Designer de Groot und van der Vijver finden in „Into the heart of meetings“ interessante Beispiele für das gar nicht so neue Phänomen.

Der Schwarm

Im Meeting wissen die Zuhörer also mehr als der Redner – wenn man sie ihren Beitrag leisten lässt. Eine Voting-App reicht dazu nicht aus – das Meeting Design muss genau darauf ausgerichtet sein.

  • Der Wissensaustauch muss mit einem definierten Ziel erfolgen
  • Die Fragen müssen so formuliert sein, dass ein Voting erfolgen kann
  • Zentral: Es muss vorher genau festgelegt sein, was mit dem Resultat passiert, ergo
  • der Redner oder Moderator müssen die Kompetenz und das Wissen besitzen, die Ergebnisse sofort in den Ablauf einzubinden.

Viele Anbieter wie z. B. Swarmworks aus Troisdorf bei Köln setzen auf Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften sowie der Forschung zu kollektiver Intelligenz und Schwarmintelligenz und bieten Kenntnis, Erfahrung und Technologie, um Teilnehmerwissen als Impuls in einer Veranstaltung wirken zu lassen. Sie machen sich dabei die Tatsache zunutze, dass eine Gruppe niemals homogen ist. Das erscheint in der Theorie problematisch, und ist es in der Praxis auch meist. Trotzdem ist genau dieser Unterschied die Quelle und Bedingung der Schwarmintelligenz.

In der Gruppe entscheiden wir anders

Auch für die Entscheidungsprozesse innerhalb einer Gruppe ist es positiv, wenn die Mitglieder verschieden sind und unabhängig voneinander urteilen. Auf der anderen Seite muss derenige, der das Gruppenwissen in Meetings nutzen will, einen weiteren Faktor bedenken. Gruppen entscheiden im Allgemeinen risikofreudiger als Einzelpersonen. Dieses Phänomen wird sozialpsychologisch als „risk-shift” (engl. für “Risikoschub”) bezeichnet. Wenn unterschiedliche Meinungen und Ideen zusammentreffen, dann erhöht sich die Bereitschaft des Einzelnen, Risiken einzugehen und unvorsichtige Entscheidungen zu treffen. Es scheint eine Art Abwälzung auf andere Gruppenmitglieder stattzufinden: "Ich trage ja nicht die ganze Schuld." Auch in Gruppen gefällte Urteile fallen nach Diskussion in ihrer Ausprägung stärker aus als einzeln gefällte Urteile; etwaige Bedenken fallen der Gruppenstimmung zum Opfer und werden nicht mehr geäußert.

Auf der anderen Seite können Teams auch durch Zeitdruck, Schwerfälligkeit oder Harmoniebestreben zu konservativen Entscheidungen neigen und den kleinsten gemeinsamen Nenner wählen. Nicht die beste Lösung? Egal: Hauptsache, der Abgabetermin wird eingehalten. Wer Gruppendynamik „nur“ für Ideen nutzt, mag mit diesem Wissen gut fahren, aber wie sieht es bei Entscheidungen aus? Wer hier von Effizienz und Vorteilen der Gruppenarbeit profitieren will, sollte ein paar Maßnahmen treffen.

So profitieren Sie vom Wissen der Gruppe

  • Schaffen Sie ein Bewusstsein für gruppendynamische Prozesse.
  • Nutzen Sie die Schwarmintelligenz, indem Sie heterogene Gruppen bilden.
  • Stellen Sie sicher, dass die beteiligten Personen in der Gruppe wirklich unabhängig ihre Ideen und Gedanken entwickeln können:
    • Informationssammlung und Bewertung trennen
    • Im Brainstormingprozess gilt es immer wieder darauf hinzuweisen: KEINE KRITIK – JEDE IDEE IST GLEICHWERTIG.
    • Oder: Alle schreiben vorher unabhängig voneinander Gedanken zur Entscheidung auf – die Präsentation vor der Gruppe erfolgt „von unten“ nach „oben“ – der Praktikant redet zuerst.
  • Lassen Sie in der Bewertung alle zu Wort kommen. Ein Moderator sorgt dafür, dass auch zurückhaltende Teammitglieder ihre Meinung kundtun.
  • Um Akzeptanz zu erreichen, müssen alle die optimale Lösung erkennen. Der Moderator z. B. kann zusammenfassend die Risiken einer Entscheidung aufzeigen und die Gegenposition vertreten.

Nietzsche meinte: "Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas seltenes, – aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel." – wir finden geplanten Irrsinn gar nicht schlecht. Was meinen Sie?


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Autor: Andrea Goffart

Veröffentlicht am: 17.08.2014


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